Generationendialog

Politik – Beruf oder Berufung?

Sie könnten Vater und Tochter sein. Thomas Colditz, Jahrgang 1957, ist von Anfang an dabei. Seit der ersten Legislaturperiode 1990 sitzt er für die CDU im Landtag. Daniela Kuge, 1975 in Meißen geboren, ist noch ganz neu. Seit 2014 vertritt sie ihren Landkreis in der sächsischen Politik. Auf der Dachterrasse des sächsischen Landtages trafen sich die beiden Generationen zu einem Gespräch über nostalgische Vergangenheit, politische Zukunft, Streitkultur und Leistungsdruck.

TC: Mehr und mehr verabschieden sich die Älteren aus der Fraktion. Mit jedem, der ausscheidet geht auch wertvolle Erfahrung verloren, aber ich bin sehr froh über die Neuen. Der Generationswechsel unter den Abgeordneten ist gut gelungen. Was mir allerdings fehlt, sind Diskussionen. Der frische Wind in der Fraktion wäre eigentlich eine Chance gewesen, dass die bewährten Alten, und die ganz Neuen mal so richtig aufeinanderprallen. Bei allen Problemen, die das im Umgang miteinander bringt, würde es wahrscheinlich noch mehr bewegen. Aus welchen Gründen auch immer hat das bisher kaum stattgefunden. 

DK: Das kommt vielleicht noch. Uns Neuen fehlt die Erfahrung. Jeder von uns kam ja alleine. Und auch wenn wir elf Neue sind, steht erst einmal jeder für sich, sondiert sein Feld, probiert, mit wem er am besten kann. Ich glaube, es ist einfacher, ein wenig zu warten und dann die Erneuerung langsam von unten nach oben zu treiben. In meinem Arbeitskreis dachte ich anfänglich, ich wüsste vieles besser. Da sitzen aber Kollegen, die schon viel länger dabei sind, da versuche ich erst einmal ruhig zu bleiben und mit Respekt…

TC: ... Bloß nicht zu viel Respekt! Gleich mit seinen eigenen Impulsen und Sichtweisen reinzugehen ist wichtig. Jeder Tag, den du jetzt als Politiker gebunden bist, ist ein Tag, in dem du keine praktischen Erfahrungen mehr »von außen« sammelst. Du musst mit deinem Wissen so schnell wie möglich in die Diskussion gehen, so lange es noch ganz frisch ist! Der Input »Leute, die Welt da draußen sieht aber ganz anders aus« ist eure Chance.

DK: Ich finde es auch schwierig, wenn sich Abgeordnete direkt in die Politik hineinstudiert haben. Nach dem Prinzip »Kreissaal, Hörsaal, Plenarsaal«. Manchmal entstehen dann Gesetze, die überhaupt nicht praxisnah sind. Wenn ich an meine Bereiche, also Soziales und Gesundheit denke, fällt mir Einiges ein. Da lese ich das Ergebnis und frage mich: »Was habt ihr euch denn dabei gedacht?« Es hat mir sehr viel genützt, dass ich aus der Praxis komme. Wenn ein Spitzenverband etwas scheinbar Gutes aushandelt, heißt es noch lange nicht, dass es in der Praxis auch so gut ankommt.

TC: Das darfst du aber nicht pauschal betrachten. Nehmen wir mal das Beispiel der freien Schulen. Da gibt es Kollegen, die sagen: »Wie kann man denn ein Gesetz so novellieren, dass es vor dem Verfassungsgericht scheitert? Das hätte man doch wissen müssen als älterer Kollege!« – kein guter Ansatz. Vor zwei, drei Jahren mussten wir dringend eine Möglichkeit finden, wie wir Regelungen zu Schulstandorten auf Freie Schulen übertragen können. Daraus ist der Konflikt entstanden, vor dem wir jetzt stehen. Deshalb müssen alle Entscheidungen, die Konfliktpotential bergen, auch im Kontext ihrer Entstehung gesehen werden. Um diese zu verstehen, müssten sich die Kollegen mehr Zeit nehmen, um Zusammenhänge zu erkennen.

DK: Bei der Diskussion über Freie Schulen hat mich als Mutter übrigens niemand gefragt, was ich denn will! Ich will Schulgeld zahlen, weil ich will, dass die Freie Schule etwas Besonderes ist. Und schon deshalb will ich keine Gleichstellung! Und auch keinerlei Gleichnisse mit einer staatlichen Schule. Das haben wir uns doch bewusst als Eltern ausgesucht. Wenn alles gleich wäre, bräuchten wir auch keine freien Schulen mehr. 

TC: Solche Stimmen hätten wir bei der Diskussion gebraucht. Zu bestimmten Sachverhalten gibt es keine tiefgründigen Diskussionen mehr. Um Meinungen wird nicht mehr gerungen. Viele von uns gehen nicht mehr in die Tiefe, sondern versuchen schnell Lösungen zu finden, die allerdings im Nachgang oftmals keine sind. Auch bei tagesaktuellen Entscheidungen sollte man sich stärker reinknien – im Moment ist mir vieles zu spontan und oberflächlich. Wir laufen bei dieser Entwicklung ein Stück weit Gefahr, dass die Qualität der Entscheidungen den Bach runter geht. 

DK: Das ist nicht nur ein parteiübergreifendes, sondern ein allgemein menschliches Problem. Es herrscht eine völlige Diskrepanz zwischen dem überzogenen Anspruchsdenken und einer mangelnden Selbstbeteiligung. Meist ist die Herangehensweise so: Wenn ich nichts kriege, mache ich auch nichts. Und ändern kann ich sowieso nichts.

TC: Dieser Satz bringt mich in Rage. Das hat man zu DDR-Zeiten am Essenstisch gesagt, damals stimmte das auch. Aber heute habe ich doch tausende Gestaltungsmöglichkeiten! Alle begründen es mit dem Wort »Politikverdrossenheit«. Aber gerade als »Politikverdrossener« ist es doch an mir, etwas zu ändern! Ich muss mich selber einbringen, Alternativen aufzeigen und es besser machen. Nur so komme ich aus dieser Tretmühle heraus. Die Neuen gehen aber oftmals in die Politik, um Karriere zu machen. Die wollen schnell sein, wenig Kante zeigen und am besten nach zwei Legislaturen schon im Bundestag sitzen.

DK: Und das ist genau der Grund, warum ich in die Politik gegangen bin: Weil ich mich über die Berufspolitiker geärgert habe. Über Volksvertreter, die Angst haben, etwas Falsches zu sagen. Es fehlt an Politikern, die aus dem Bauch heraus Entscheidungen treffen. Ich dachte im Übrigen vor der Wahl: »Wenn ich das Ding hier verliere, dann geht das Leben auch weiter. Da hat sich Gott was dabei gedacht.« Natürlich bemühe ich mich, alles richtig zu machen, aber für mich gibt es auch ein Leben nach dem Landtag. 

TC: Da beneide ich dich drum. Ich habe zwar mittlerweile eine ähnliche Gelassenheit, die hatte ich aber nicht immer. Schön, wenn es dir so geht, aber das kann man nicht voraussetzen. Diese Lockerheit und diese Ruhe sind nicht typisch.

DK: Ich denke, es macht ein Unterschied ob jemand wie ich ganz frisch hier ist oder schon die zweite oder dritte Legislatur. Ich habe ja noch mein Plan B in der Schublade.

TC: Und das ist ganz wichtig: Sich die Hintertür offen halten. Nicht der Berufspolitiker per se ist das Problem, sondern der Berufspolitiker, der nichts anderes mehr kann. Dann wirst du verbissen – und das ist eine Katastrophe. Auch aus diesem Grund ist es gut, mit einem beruflichen Hintergrund in die Politik zu gehen. Es ist eben nicht nur die persönliche Erfahrung, nein es ist auch eine Art Rückfallversicherung. Die Einstellung »Ich mache Politik gern, aber ich muss es nicht machen« ist die einzig richtige. 

Fotos: Marco Kubitz

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