Politik trifft Praxis

INNOVATION AUF VIERZIG MILLIMETERN

Drei Millionen Tonnen Kunststoff werden jährlich in der Verpackungsproduktion verwendet. „Das ist so viel wie eine Fläche von Rügen“, sagt Marcus Stein, einer der Gründer von „watttron“. Stein will diese Menge um ein Fünftel reduzieren. Mit einer Präzisionsheizung, die den Kunststoff genauer bearbeiten lässt. Noch nicht einmal ein Jahr ist die Ausgründung der TU Dresden und des Fraunhofer IVV alt und schon Preisträger des „Deutschen Verpackungspreises“ – der Oscar in dem hart umkämpften Industriezweig. CDU-Wirtschaftsprofi Dr. Stephan Meyer hat das Technologieunternehmen in Freital besucht, um über Schwierigkeiten bei Innovationen und Gründungen in Sachsen zu sprechen.

Stephan Meyer im Gespräch mit Marcus Stein und Michaela Wachtel: „Wir müssen Kapitalgeber, Wissensträger und Unternehmer besser zusammenführen.“

„Die Forschungsgemeinschaft gibt sich nach außen sehr Start-up-fördernd. Auf der anderen Seite wird jede Ausgründung als Verlust wahrgenommen.“

„Unser Studium macht keine Unternehmer“ sagt Stephan Meyer. Er trifft damit einen Punkt, der Marcus Stein auf dem Herzen liegt, denn seine Promotion hat er vor einem Jahr zugunsten der Gründung von „watttron“ erstmal hinten angestellt. Eine Entscheidung, die ihm nicht leicht fiel. „Als Forscher hat man wenig Ambitionen, aus freien Stücken das warme Nest zu verlassen.“

„Ökonomisch und ökologisch sinnvoll“ nennt Stein die Technologie, die in eine Streichholz-schachtel passt: Eine Keramikplatte mit 64 winzigen Heizfeldern. Damit lässt sich jedoch eine ganze Industrie revolutionieren. Wie, erklärt Marcus Stein am Beispiel des Joghurtbechers:

„Ein Netzwerk ist, unabhängig, extrem wichtig. Auch, um Anfängerfehler zu vermeiden.  “

Die Produktion von Kunststoffverpackungen funktioniert immer nach dem gleichen Prinzip. Eine Kunststofffolie wird erwärmt und dann in eine Form geblasen. Um dem Boden eines Joghurtbechers die nötige Stabilität zu geben, muss bei dem Verfahren das Material dick genug sein, wodurch die Wände des Bechers unnötig dick werden. Der Heizer von „watttron“ erlaubt es, den Kunststoff mit einer Genauigkeit von fünf Millimetern punktgenau zu erhitzen.

So kann das Fließverhalten des Materials entsprechend der Form angepasst werden. Die Wände des Bechers werden also stärker erwärmt als der Boden. Auf diese Weise ist es möglich, mit einer dünneren Folie zu arbeiten, was bis zu einem Fünftel Material einspart. Was bei einem Joghurtbecher funktioniert, hat auch bei komplexen Kunststoffverpackungen oder Medizinprodukten Erfolg.

Arbeitgeber mit Standortvorteil: Die „watttron“-Gründer sehen, dass viele junge Leute in Dresden bleiben wollen.

„Wir bringen eine Neuerung in einen Markt mit hartem Preiskampf“, sagt Michaela Wachtel, Ökonomin des Technik-Start-ups. Kosten-sparende Innovationen rentieren sich da sehr schnell.

Was nach einer Erfolgsgeschichte klingt, lief jedoch nicht immer problemlos: „Wir hätten uns die Suche nach einem Firmensitz einfacher vorgestellt“, sagt Stein. Zwar seien genügend Plätze in Dresden vorhanden, aber oftmals nicht durchdacht. „Als Technik-Firma brauchen wir zum Beispiel einfach einen Lastenfahrstuhl“, ergänzt Stein. Michaela Wachtel sieht noch ein anderes Problem: Förderanträge sollten grundlegend überarbeitet werden. „An junge Unternehmen werden Anforderungen gestellt, die wir teilweise erst erfüllen können, wenn wir die Fördermittel schon haben“, sagt Wachtel.

Hier entsteht der Yoghurtbecher von morgen: Marcus Stein und Stephan Meyer vor der Versuchsanlage.

Stephan Meyer versteht die Vorschläge der Gründer als Hausaufgabe. "Gerade im Bereich der Fördermittelvergabe und Beratung können und sollten wir mehr tun".

"Was uns fehlt, sind erfolgreiche Unternehmer als Business Angels, so wie es sie in Berlin oder München gibt", führt Marcus Stein aus. Erfahrene Macher, die jungen Unternehmern Mut geben können, sollten durch die Politik besser unterstützt werden. Sie liefern Erfahrung und Mut - zwei unabdingbare Faktoren für Gründer.

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Fotos: Marko Kubitz

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