Die Expertenmeinung

In Dresden geht bald richtig die Post ab

Prof. Gerhard Fettweis ist Inhaber des Vodafone-Stiftungslehrstuhls „Mobile Nachrichtensysteme“ an der TU Dresden. Er forschte an der Universität Berkeley, ist bestens in der Wirtschaft vernetzt und gilt als Zukunftsdenker des Mobilfunks. Aus seinem Lehrstuhl heraus sind 16 Start-ups entstanden. Einige sind zu erfolgreichen Marktführern geworden.

Warum ist Dresden für junge Unternehmer spannend?
»Weil Dresden in vielen Gebieten Themen vorantreibt. Als Beispiel kann man den Mobilfunk nennen. Die nächste, fünfte Generation heißt „5G“. International haben wir aus Dresden hierfür hohe Anerkennung erzielt und übernehmen in verschiedenen Gremien die Führungsverantwortung. Insbesondere die Mischung aus Spitzenforschung und Hardwareproduktion macht uns besonders attraktiv. Wenn ein paar Menschen Dresden wegen politischer Auffälligkeiten gerade auf dem Kieker haben, ist das sicherlich nicht grundlos. Aber es spielt international nicht die große Rolle, wie manche Menschen hier lokal denken. Wir sollten uns davon nicht ins Boxhorn jagen lassen.«

Prof. Gerhard Fettweis, TU Dresden

In Deutschland scheint es einen anderen Umgang mit Start-ups zu geben als im Silicon Valley. Fehlt uns ein besonderer Spirit?
»Ich glaube, es gibt diesen Spirit genau hier. Das ist der Vorteil von Sachsen. Das Silicon Valley besteht aus Menschen, die nichts zu verlieren haben. Intelligente, hervorragend ausgebildete Einwanderer, ohne Haus, Boot oder Flugzeug. Ostdeutschland ist da ähnlich. Als ich nach Dresden gekommen bin, fragten mich meine westdeutschen Doktoranden, wie sie am besten ein Erbe in Aktien investieren sollten, während die Ostdeutschen damit kämpften, dass die Tante gerade ihren Arbeitsplatz verloren hat. Pleiten sind hier nicht das Problem, das war in den Neunzigern völlig normal. Aber auch die Immigrantenkultur gibt es hier: gut ausgebildete, finanziell schwache Absolventen, die Lust haben, durchzustarten, weil sie nichts zu verlieren haben.«

Es fehlt aber eine weitere wichtige Erfolgszutat aus dem Valley: die privaten Geldgeber. Warum?
»Es gibt genügend Menschen in Sachsen, die in den letzten 20 Jahren zwei bis dreistellige Millionenbeträge verdient haben. Aber, sie nutzen das Geld nach der guten deutschen Mittelständler-Art. Das ist hart verdient und daher kein Spielgeld für sie. Sie würden es maximal für eine Oldtimerkollektion ausgeben, nicht für eine neue Unternehmung. Aber diese Mentalität entwickelt sich. Die neuen, richtig guten Unternehmen, mit dem Mix aus erfahrenen Unternehmern und jungem Blut, die entstehen jetzt. Einige von ihnen werden Marktführer, gehen früher oder später an die Börse oder werden verkauft. Dann haben wir hier die Macher mit genügend Geld und Mut, sich an neuen Projekten zu beteiligen. In Dresden geht bald richtig die Post ab. Das passiert aber erst Ende 2020, Anfang 2030. Bis dahin müssen wir geduldig sein.«

Wie kann der Unternehmerstandort Dresden politisch gefördert
werden, um eine Abwanderung zu verhindern?

»Es gibt in Dresden, wie schon gesagt, genug Unternehmer mit mindestens zweistelligen Millionenbeträgen auf dem Konto, die aber nicht gewillt sind, es auszugeben. Ich würde ein Programm machen, bei dem jeder Euro vom Privatunternehmer mit mindestens einem Euro vom Freistaat in einem Venture-Fonds verdoppelt wird. Dann hätten wir diese Unternehmer nicht nur als Geldgeber, sondern auch als Coaches und vor allem als Türöffner. Denn jeder von ihnen hat ein Netzwerk. Und wenn sie Geld investiert haben, dann wollen sie auch Erfolge sehen. So funktioniert es im Silicon Valley, so könnte es auch bei uns funktionieren.«

Fotos: cfaed

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