Im Interview mit Bodo Finger, Präsident der Vereinigung der Sächsischen Wirtschaft

Im Interview: VSW-Präsident Bodo Finger (Foto: Wolfgang Schmidt, 2014)

WIR: Was sind aus Ihrer Sicht die großen sächsischen Standortvorteile?

Bodo Finger: Sachsen ist ein dynamischer Wirtschaftsstandort. Wir haben hier überdurchschnittlich gut ausgebildete Fachkräfte, eine vielseitige und leistungsfähige Hochschul- und Forschungslandschaft sowie ein international erfolgreiches Bildungssystem, wie Pisa gezeigt hat. Dank der hohen Flexibilität der Arbeitnehmer und Arbeitgeber können höhere Standortkosten zumindest teilweise kompensiert werden. Zudem gibt es eine gut ausgebaute Straßenverkehrsinfrastruktur.

WIR: Worin unterscheidet sich der sächsische Unternehmer beispielsweise von einem Bayrischen oder Niedersächsischen?

Finger: Wir in Sachsen haben im Vergleich zu anderen Bundesländern eine eher kleinteilige Betriebs- und Unternehmensstruktur. Das macht die Ausgangsbedingungen bei Produktivität, Forschung und Entwicklung, Export sowie Eigenkapital oft schwieriger. Aber auch bei aktuellen Entwicklungen gibt es regionale Unterschiede – beispielsweise beim Strompreis. Der wird immer mehr zum Standortfaktor und trifft unsere Unternehmen doppelt. Zum einen liegen die durchschnittlichen Industriestrompreise in Sachsen über dem Bundesniveau und deutlich oberhalb des europäischen Mittels. Zum anderen konkurrieren exportorientierte und energieintensive Unternehmen mit Wettbewerbern, die wie zum Beispiel in den USA nur einen Bruchteil der hiesigen Energiekosten zu tragen haben. Hier besteht dringender Korrekturbedarf. Diese und eine Vielzahl von besonderen Rahmenbedingungen verlangen von den Unternehmern im Freistaat ein herausragendes Maß an innovativen Ideen, Flexibilität und Entschlossenheit, wenn wir wieder eine wirtschaftliche Spitzenposition erreichen wollen.

WIR: Wie bewerten Sie die aktuellen Förderinstrumente des Freistaates?

Finger: Die Fördermittel werden für Sachsen perspektivisch weniger. Das ist 25 Jahre nach der Deutschen Einheit eine normale Entwicklung, die wir als Wirtschaftsverband auch richtig finden. Daran müssen wir uns gewöhnen. Schließlich waren Fördermittel zuvor nichts anderes als Schulden des Staates oder Steuern, die wir alle zahlen mussten. Dies tun wir, wie die aktuelle Steuerschätzung zeigt, so reichlich, wie nie zuvor. Und anstatt über neue Ausgaben nachzudenken, die ja im Einzelfall durchaus nachvollziehbar sein mögen, sollte der Staat doch endlich einmal an die denken, die das alles finanzieren. Also an diejenigen, die Tag für Tag mit ihrer Arbeit die Kassen füllen. Sie werden gern vergessen und das missfällt mir. Deshalb sollte es selbstverständlich sein, dass der Staat sie entlastet und die kalte Progression abbaut. Die Beschäftigten haben einen Anspruch darauf, mehr Netto vom Brutto in der Tasche zu haben.

WIR: Worauf kommt es bei der Fördermittelvergabe in Zukunft an?

Finger: Bei den Fördermitteln kommt es jetzt darauf an, dass sie nicht konsumtiv, sondern unbedingt wertschöpfungsorientiert, also investiv, eingesetzt werden. Da ist der Freistaat Vorbild und muss es auch bleiben. Natürlich müssen die geringeren Fördermittel vor allem effizient eingesetzt werden, das heißt dort, wo sie den volkswirtschaftlich größten Nutzen bringen. Die entscheidenden Kennziffern sind dabei neue Arbeitsplätze und innovative Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren. Auch bei der Verwaltung der Fördermittel könnten wir sicher einiges vereinfachen, wenn Investitions- und Innovationsförderung wieder in einer Hand und zwar im Wirtschaftsministerium gebündelt werden.

WIR: Was sind Ihrer Meinung nach die größten Herausforderungen der sächsischen Wirtschaft in den nächsten 25 Jahren?

Finger: Der globale Wettbewerb um die besten Köpfe, die klügsten Ideen und die besten Standorte für Investitionen geht unvermindert weiter. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass die Industrie die Schlüsselrolle spielt, wenn es um den zukünftigen Wohlstand unserer Bürger geht. Ist sie auf Wachstumskurs, profitieren auch die anderen Wirtschaftszweige. Aktuell kennzeichnet Sachsens Wirtschaft eine kleinteilige Branchenstruktur. Hier müssen wir ansetzen. Wir brauchen mehr Größenwachstum. Das gibt es aber nur, wenn die Firmen innovative Produkte herstellen mit denen sich gute Preise erzielen und neue Märkte erschließen lassen. Die Nachfrage lässt sie wachsen und bringt die Kapazitäten für Forschung und Entwicklung mit. Gleichzeitig sind die Unternehmen natürlich auch auf die richtigen Rahmenbedingungen angewiesen, um international mitspielen zu können. Problematisch sind beispielsweise die hohen Arbeitskosten, die in Deutschland seit 2011 stärker steigen als in der EU. Da ist die Politik gefragt, die Steigerung der Innovationskraft in den Unternehmen zu unterstützen und den Standort attraktiver zu machen. Konkret erwarte ich, dass die Politik nicht dauernd neue Regulierungen und Restriktionen aufbaut. Wir brauchen endlich weniger statt immer mehr Bürokratie. Gleichzeitig haben wir eine demografische Entwicklung, die unsere Gesellschaft grundlegend verändern wird. Qualifizierte Fachkräfte werden mehr denn je zum Zünglein an der Waage, wenn es um eine positive Unternehmensentwicklung geht.

WIR: Laut aktuellen Studien steigt die Zahl der Ausbildungsabbrecher. Wo sehen Sie die Hauptgründe?

Finger: Die Auszubildenden bringen nicht die nötigen Grundkenntnisse von der Schule mit, die dann in der Ausbildung von ihnen verlangt werden. Ein Beispiel: Ich habe in einem Vorstellungsgespräch einem Abiturienten folgende Frage gestellt. Wie viele Einwohner hat die Bundesrepublik Deutschland. Seine Antwort: zwei Millionen. Wie ist es möglich, dass ein Abiturient zwölf Jahre lang durch die Schule kommt und kein Lehrer merkt, was da los ist?

WIR: Wo muss man ansetzen, damit sich diese Situation verbessert?

Finger: Unsere Exportwirtschaft befindet sich in einem intensiven internationalen Wettbewerb. Diese veränderten Anforderungen müssen in die Schulen hineingetragen werden. Die Landesarbeitsgemeinschaft "Schule Wirtschaft" leistet auf diesem Feld in Sachsen bereits Hervorragendes. Die Firmen müssen sich den Schulen öffnen. Gerade in den Ober- und Hauptschulen muss frühzeitig der Nachwuchs Kontakt zu den Unternehmen haben, damit sie ganz genau wissen, was später auf sie zukommt. Die meisten haben heute keine Ahnung, was es heißt in der Industrie zu arbeiten. Wir brauchen nicht nur tolle Ingenieure, die neue Produkte erfinden, sondern auch Facharbeiter, die diese Produkte herstellen.

WIR: Was müssen Unternehmer tun, um ihre Auszubildenden zu halten?

Finger: Durch den demografischen Wandel ist die Industrie gezwungen, mit einer kleineren Zahl an qualifizierten Mitarbeitern, das herzustellen, was sie braucht. Das geht nur, in dem ich meine Mitarbeiter immer kurzfristiger an diese veränderten Gegebenheiten anpasse. Der technische Wandel ist rapide, deswegen muss ich die Mitarbeiter ständig weiterbilden – bis ins hohe Alter. Das kriegen wir auch hin, wenn uns dabei die Politik nicht einen Strich durch die Rechnung macht und die Leute mit 63 in Rente schickt.

WIR: Welche Aufgabe hat die Politik in diesem demographischen Wandlungsprozess?

Finger: Die Politik sollte auf wirtschaftlichen Sachverstand und nicht auf den populistischen Mainstream achten. Uns geht es in Deutschland gut. Aber niemand sagt deutlich, dass wir die letzten Jahrzehnte über unsere Verhältnisse gelebt haben. Jetzt ist der ideale Zeitpunkt gekommen, um unsere Schulden zurückzubezahlen. Was wir dagegen nicht brauchen, ist ein Daseinsfürsorgestaat, der seinen Bürger die Verantwortung für ihr eigenes Handeln abnimmt.

WIR: Welchen politischen Stellenwert hat die Politik in Sachsen?

Finger: Das Verhältnis zwischen Politik und Wirtschaft in Sachsen ist ein ausgesprochen gutes. Die Wirtschaft hat hier im Großen und Ganzen gar keinen Grund sich zu beschweren. Da braucht man sich nur die rasante Entwicklung anschauen, die Sachsen unter dieser bürgerlichen Regierung seit Biedenkopf bis heute gemacht hat. Besser geht es nicht. Vieles kann noch verbessert werden, aber wir haben schon Wesentliches geschafft. Und wir haben das nur geschafft, weil diese Regierung soziale Marktwirtschaft praktiziert. Das ist der Garant für unseren Wohlstand und das wird er auch in Zukunft sein.

WIR: Was genau sollte die Politik verbessern?

Finger: Die Politik muss sich nicht nur anhand von Zahlen und Statistiken mit der Wirtschaft auseinander setzen, sondern muss direkt rein in die Wirtschaft. Ich befürworte deshalb, dass junge Landtagsabgeordnete ein Wirtschaftspraktikum machen. Dann erkennen Sie die Probleme. Schließlich ist es letztendlich der Landtag, der dann über die Lösung aktueller Fragen entscheidet.

WIR: Was würden Sie der sächsischen Wirtschaftspolitik empfehlen?

Finger: Innovationen, Wachstum und qualifizierte Fachkräfte sind die Bausteine erfolgreichen Unternehmertums, das die Politik mit den richtigen Rahmenbedingungen unterstützen sollte. Wünschenswert ist, dass Unternehmen in ihrem Umfeld auf gut ausgebildetes und gebildetes Personal zurückgreifen können, auf einem flexiblen Arbeitsmarkt agieren, aus einer dichten Forschungs- und Entwicklungslandschaft der Technologietransfer erleichtert wird, eine unbürokratische und flexible Verwaltung zu schnellen Entscheidungen kommt und moderate Gebühren und Abgaben dem Wachstum, vor allem der kleinen Unternehmen, nicht entgegenstehen. Daneben müssen wir unsere Standortqualität weiter verbessern: Die Erreichbarkeit der Unternehmen über Schiene und Straße, aber auch ein flächendeckender Ausbau von modernen Kommunikations- und Energienetzen sind signifikante Standortvorteile, die nicht nur die Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft verbessern, sondern auch die Investitionsentscheidungen für Neuansiedlungen bestimmen.

WIR: Welche langfristige wirtschaftliche Perspektive sehen Sie für den Freistaat Sachsen?

Finger: Auch perspektivisch geht es darum, die industrielle Wertschöpfung als Basis für gesellschaftlichen Wohlstand nachhaltig sowie international wettbewerbsfähig zu sichern und weiter aufzubauen. Gerade auch für das Exportgeschäft ist ein Größenwachstum unserer Firmen eine entscheidende Stellschraube. Nur die innovativsten Produkte machen Unternehmen zu gleichberechtigten Partnern bei Auftragsverhandlungen, vor allem wenn es darum geht, Wertschöpfung im eigenen Land zu halten. Auch den Herausforderungen von Industrie 4.0, das heißt der "denkenden Fabrik" durch computervernetzte Produktionseinheiten, werden wir uns stellen müssen. Gut aufgestellt und beste Wachstumsperspektiven hat, wer erfolgreich Internettechnologien in die Produktion integriert. Ein wichtiger Schlüssel dafür ist die enge Zusammenarbeit zwischen Unternehmen, wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen und Hochschulen. Diese ist in Sachsen noch deutlich ausbaufähig.

WIR: Gibt es Branchen und Infrastrukturbereiche die der Freistaat deswegen besonders fördern sollte?

Finger: Nein, die sehe ich nicht. Eine Fokussierung der Wirtschaftsförderung auf einzelne Branchen beziehungsweise Technologien wird der Vielfalt der sächsischen Wirtschaft, der Bedeutung des ländlichen Raums als Standort und der Geschwindigkeit des technischen Fortschritts nicht gerecht. Ich befürworte stattdessen eine technologie- und branchenoffene Innovationsförderung. Ganz nach dem Motto "Möge der Beste gewinnen". Denn es hat sich ja auch schon gezeigt, dass alle Förderung nichts bringt, wenn am Ende die Wertschöpfungseffekte nicht stimmen.