Im Interview mit Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht: "Es geht um den Menschen"

Im Interview: Thüringens Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (Foto: Anja Jungnickel, 2012)

WIR: Wir befinden uns mitten in der Lutherdekade und das Jahresthema lautet "Reformation und Toleranz". Wie lässt sich aus Ihrer Sicht Toleranz aus dem christlichen Glauben herleiten?

Christine Lieberkecht: Unsere Toleranz entspricht der Toleranz des Gottes, der uns Menschen nach seinem Bild geschaffen hat. Die enge Beziehung von Schöpfer und Geschöpf ist es, die nach christlichem Verständnis dem Menschen Liebe, Freiheit und Schutz zubilligt, aber auch Verletzungen der Menschenwürde verurteilt. Toleranz bedeutet für mich die Anerkennung der Würde des Einzelnen, als Konsequenz für das Handeln gilt daher: "Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt - das ist es was das Gesetz und die Propheten fordern" (Matthäus 7,12). Das heißt, behandle Menschen mit Respekt, also mit Würde - wie du es für dich selbst wünschst. 

WIR: Sie sind seit der friedlichen Revolution Politikerin. Was hat Sie damals bewogen, politische Verantwortung zu übernehmen und wie groß ist heute der Einfluss Ihres Glaubens auf Ihre Politik?

Lieberkecht: Ich erinnere mich noch sehr genau an die Kraft der Gebete und die brennenden Kerzen, die die Mauer und schließlich das DDR-System zu Fall gebracht haben. Ohne Blutvergießen war es uns gelungen, eine menschenverachtende Diktatur zu überwinden, damals haben wir die Freiheit errungen. Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität waren unsere Koordinaten auf dem Weg in die Zukunft. Diese Grundwerte sind heute nicht weniger bedeutend, sie sind ein klarer Kompass christlich demokratischer Politik. Das christliche Menschenbild, die Hinwendung zum Menschen, das ist es, was mein Glaube mit meiner Politik verbindet.

WIR: Hat die weltliche Politik Ihre theologischen Ansichten verändert?

Lieberkecht: Nein, im Gegenteil. Das christliche Menschenbild ist und bleibt die feste Basis meines politischen Handelns. Mein christlicher Glaube dient mir als Maßstab bei wichtigen Entscheidungen. Er gibt mir Orientierung und Halt in einer scheinbar "grenzenlosen" Welt. 

WIR: Viele Theologen haben politische Spitzenämter. Sind Sie am Ende die "besseren" Politiker? 

Lieberkecht: Sie können mir glauben, einem Theologen im politischen Spitzenamt fällt es genauso schwer, die richtige Entscheidung zu treffen, wie jedem anderen Menschen auch. Aber eines steht fest, als Politiker, egal ob Theologe oder nicht, hat man bewusst Verantwortung nicht nur für sich, sondern für viele Menschen übernommen. Mit anderen Worten: wenn ein Politiker für Solidarität, Verlässlichkeit und Vertrauen steht, dann stehen auch die Chancen gut, auf Dauer das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger zu genießen. Es geht hier also nicht um die Profession, sondern um den Menschen an sich, der um das Vertrauen der Wählerinnen und Wähler wirbt. Die entscheidende Rolle bei der Tätigkeit als Politiker muss die Verantwortung vor den Mitmenschen und dem eigenen Gewissen spielen und als Christ sage ich: auch vor Gott.

WIR: Wie groß ist der Einfluss der Kirchen auf die Politik? 

Lieberkecht: In Deutschland besteht nach unserer Verfassung keine Staatskirche. Unser Staat ist weltanschaulich neutral. Das Verhältnis Staat – Kirche ist partnerschaftlich. In diesem Rahmen beschränkt sich auch der Einfluss der Kirche auf die Politik. So finden in regelmäßigen Abständen Gespräche zwischen Politik und Kirche zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen statt. Der Gedankenaustausch dient der beiderseitigen Arbeit. Gegenseitige Kritik ist konstruktiv und ohne Anspruch auf absolute Wahrheiten. Wir arbeiten jeder auf seine Weise für die gleichen Menschen. 

WIR: Die Kirchen waren in der DDR Schutzraum für Bürgerrechtler und waren teilweise sehr politisch. Teilen Sie den Eindruck, dass das heute anders ist? 

Lieberkecht: Die Politik der SED war darauf angelegt, das Christentum in eine Minderheitenposition zu drängen. Die Evangelische Kirche hat sich ihre innere Unabhängigkeit trotz massiver Konfrontationen weitgehend bewahrt. So konnten sie sich gegen Gleichschaltung wehren. In der Kirche konnten die Menschen Toleranz, inneren Frieden und demokratische Verfahrensweisen kennenlernen und einüben. So wurden die Kirchen schließlich zum Dach für ganz unterschiedliche oppositionelle Strömungen. Die Kirchen hatten damit eine herausragende Stellung als Raum für eine Form der Ersatzöffentlichkeit, die unter normalen demokratischen Verhältnissen nicht denkbar gewesen wäre. 

WIR: Nichtgläubige sind oft der Meinung, die Kirchen sollten keinen Einfluss auf die tagesaktuelle Politik haben. Was sagen Sie diesen Menschen? 

Lieberkecht: Einen solchen Einfluss haben die Kirchen in unserer Zeit nicht mehr. Wichtig ist vielmehr: engagierte Kirchen und Gemeinden mit engagierten Christen leisten einen sehr wertvollen Dienst für andere Christen wie für Nichtchristen in unserer Gesellschaft. 

WIR: Die Wohlfahrtsverbände der Kirchen, Diakonie und Caritas, leisten in unserer Gesellschaft wichtige und wertvolle soziale Dienste. Wie schätzen Sie die Arbeit dieser Einrichtungen ein? 

Lieberkecht: Die soziale Arbeit unserer Wohlfahrtsverbände ist aus unserem gesellschaftlichen Leben gar nicht wegzudenken. Mit gesetzgeberischen und finanziellen Maßnahmen allein ist die soziale Integration und Gleichstellung von Menschen, die unserer Hilfe bedürfen, nicht zu erreichen. Der Staat allein kann das nicht leisten. Die Arbeit der Kirchen, Diakonie und Caritas  ist für unsere Gesellschaft von unschätzbarem Wert, denn sie steuern einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei.

WIR: Wird die Bedeutung der kirchlichen Sozialleistungen in den nächsten Jahren eher steigen oder sinken? Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Lieberkecht: Der demografische Wandel und eine stetig voranschreitende Globalisierung fordern zunehmend nicht nur die Kirchen, sondern auch die Politik zum Handeln, um den gesellschaftlichen Zusammenhalt weiter zu stärken. Die Herausforderungen werden eher noch größer.  Es geht darum, Isolation und soziale Kälte mit vereinten Kräften zu vermeiden.

WIR: In Ostdeutschland spielen Kirche und Glaube eine wesentlich geringere Rolle als in Südwestdeutschland. Würden Sie sich wünschen, das wäre anders? 

Lieberkecht: Zwei Diktaturen auf dem Gebiet der ehemaligen DDR mögen in Zahlen ausgedrückt eine Gesellschaft mit geringerer konfessioneller Bindung hinterlassen haben im Vergleich zur „alten Bundesrepublik“. Aber das Bedürfnis der Menschen, an etwas zu glauben und jemandem zu vertrauen, ist deswegen ebenso vorhanden. Hier sind die Angebote des christlichen Glaubens durchaus willkommen.

WIR: Wie sehen Sie die Perspektiven der Kirchen in Ost- bzw. Mitteldeutschland? 

Lieberkecht: Es gibt das Problem des Mitgliederschwundes in den großen Kirchen. Andererseits sind kirchliche Feste wie Trauungen, Taufen und Konfirmation wieder häufiger nachgefragt. Das heißt, viele Menschen wollen die Wendepunkte in ihrem Leben nach kirchlicher Tradition feiern. Und da kann ich mich nur wiederholen, in Zeiten der Globalisierung sehnen sich die Menschen nach mehr Wärme und Geborgenheit, wollen glauben und jemandem vertrauen. Die Kirchen werden auch in Zukunft eine wichtige prägende Kraft innerhalb der Gesellschaft sein.

WIR: Jedes Jahr am Buß- und Bettag kommt die Diskussion hoch, ob dieser Tag gesetzlicher Feiertag sein soll, oder wie in allen Ländern außer Sachsen zu Gunsten eines etwas niedrigeren Pflegeversicherungsbeitrages normaler Werktag. Was meinen Sie? 

Lieberkecht: Für die sächsische Entscheidung empfinde ich große Sympathie. Die Abschaffung des Buß- und Bettages ging ja mit der Einführung der Pflegeversicherung einher. Ich habe es persönlich sehr bedauert, dass mit Ausnahme von Sachsen alle anderen 15 Länder in der Abwägung zwischen Erhaltung eines Kulturgutes und der Finanzierungsnotwendigkeit einer sozialen Leistung den Buß- und Bettag mit all seinem Gehalt der inneren Einheit und Besinnung in unserer schnelllebigen Zeit geopfert haben. Heute würde ich mich dagegen nochmal klarer zur Wehr setzen als ich es damals getan habe.

Das Interview führte Andreas Kunze-Gubsch.