Im Interview mit Oberstaatsanwältin Dr. Christine Mügge: "Aufklärung ist extrem wichtig"

Im Interview: Oberstaatsanwältin Dr. Christine Mügge (Foto: Daniel Scholz, 2013)

SACHSEN:BRIEF: Warum hat gerade Sachsen mit dem Vormarsch der Droge Crystal zu kämpfen? Liegt das an der Nähe zu Tschechien?

Oberstaatsanwältin Dr. Christine Mügge: Da ist tatsächlich ein Zusammenhang feststellbar. Die Crystalversorgung läuft über die vietnamesischen Märkte auf tschechischer Seite. Durch die Grenznähe ist der Rauschgiftverkehr sehr einfach: Der Erwerb und die Einfuhr sind relativ unproblematisch, die Herstellung sowieso. In Deutschland ist es schwieriger an die Grundstoffe heranzukommen, da sind die zulässigen Abgabemengen viel kleiner. Aufgrund dieser Versorgungssituation sind derzeit am stärksten Sachsen, Thüringen und Nordbayern betroffen.

SACHSEN:BRIEF: Was macht den Reiz an Crystal aus? Ist es die einfache Beschaffung der Droge?

Mügge: Nein, Crystal hat den Ruf konzentrations- und leistungssteigernd zu wirken. Crystal ist für viele Konsumenten eine Droge, um Probleme zu lösen, nicht um sie zu vergessen. Man hat kein Hunger- und Durstgefühl mehr. Es soll sexuell anregend wirken. Ich denke, gerade durch die Leistungssteigerung ist Crystal so in Mode. Deswegen finden sie Abnehmer in allen Gesellschafts- und Altersschichten. Was allerdings vielen nicht bekannt ist, sind die verheerenden negativen Folgen: Bei Crystal setzt sehr rasch eine Abhängigkeit ein. Das zentrale Nervensystem ist betroffen. Mit der Schädigung des zentralen Nervensystems geht auch ein körperlicher Verfall einher. Abhängige sind durch die Sucht äußerlich gekennzeichnet und haben dann sogenannte "Meth-Faces". Außerdem ist eine Crystalabhängigkeit sehr schwer therapierbar.

SACHSEN:BRIEF: Straftaten in Zusammenhang mit Rauschgift sind 2012 um 9,6 Prozent – 8.875 registrierte Straftaten – im Jahr gestiegen. Wie bewerten Sie das?

Mügge: Wir sehen diese Entwicklung mit großer Sorge. Dazu muss man allerdings wissen: Diese Zahlen stellen eine Übersicht über die gesamte Rauschgiftkriminalität dar. Man muss deswegen zwischen den einzelnen Rauschgiftarten differenzieren: Von 2011 zu 2012 haben beispielsweise Opium, Kokain und Amphetamine einen Rückgang um fast 80 Prozent erfahren. Auch Heroin spielt keine Rolle mehr. Dafür sind die Delikte im Zusammenhang mit Crystal und Marihuana deutlich gestiegen. Gerade im Bereich Crystal ist der Anstieg besonders hoch.

SACHSEN:BRIEF: Wenn knapp 9.000 Straftaten in Zusammenhang mit Rauschgiftkriminalität 2012 registriert wurden, wie hoch schätzen Sie die Dunkelziffer?

Mügge: Eine Dunkelziffer liegt naturgemäß im Dunkeln. Bei Rauschgiftdelikten handelt es sich um Kontrolldelikte. So sind die Fallzahlen stark abhängig davon, inwieweit die Kontrollen intensiviert wurden. Gerade im Bereich Crystal hat die Kontrolldichte stark zugenommen.

SACHSEN:BRIEF: Wenn es zu einer Verhandlung kommt, stehen eher die Händler oder die Konsumenten vor Gericht?

Mügge: Wir haben es sehr oft mit Konsumenten und Kurieren zu tun. Die Händler von Crystal sind meist auf der tschechischen Seite.

SACHSEN:BRIEF: Bei wie vielen Straftaten kommt es zu einer Verurteilung? Und wie lange dauert es bis es zu einer Verurteilung kommt?

Mügge: Das kann man sehr schwer pauschalisieren – da gibt es auch keinen genauen Prozentsatz. Das hängt wirklich sehr vom Einzelfall ab: Handelt es sich um eine Haftsache oder um Jugendliche, dann gilt das  Beschleunigungsgebot in besonderem Maße. Wir versuchen da besonders schnell der Tat eine Verurteilung folgen zu lassen.

SACHSEN:BRIEF: Was heißt in der Amtssprache "schnell"? Ein Jahr?

Mügge: Nein, mitnichten – wir sind da sehr viel schneller. Es kommt natürlich aber auch auf den Ermittlungsumfang und die Verteidigungsstrategie an.

SACHSEN:BRIEF: Haben Sie bei Rauschgiftdelikten oft mit Haftstrafen zu tun?

Mügge: Das hängt natürlich von der Menge des Betäubungsmittels ab, die da im Spiel ist. Vorstrafen spielen ebenfalls eine große Rolle.

SACHSEN:BRIEF: Haben Sie es oft mit Wiederholungstätern zu tun?

Mügge: Ein Konsument, der süchtig ist, ist oft auch ein Wiederholungstäter. Sie müssen den Konsum ja irgendwie finanzieren. Ein Gramm Crystal kostet im Schnitt zwischen 60 bis 80 Euro – das entspricht die Tagesdosis eines Abhängigen. Deswegen spielt die Beschaffungskriminalität in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

SACHSEN:BRIEF: Oft kommt der Vorwurf: "In Deutschland wird nicht hart genug bestraft." Würde eine härtere Bestrafung wirklich helfen, das Problem einzudämmen?

Mügge: Man kann schon sagen: Strafen dienen sicherlich auch der Abschreckung. Aber, die Strafen, die in Sachsen ausgesprochen werden, sind angemessen. Wenn jemand süchtig ist, hilft es auch nichts, wenn sie nur mit Abschreckung arbeiten wollen. Das ist dem Süchtigen egal, was am Ende für eine Strafe verhängt wird. Der Strafrahmen, der uns vom Gesetzgeber vorgegeben wird, ist voll ausreichend. Allein mit Abschreckung kann man kaum Straftaten verhindern.

SACHSEN:BRIEF: Wo muss man Ihrer Meinung nach ansetzen, um das Crystalproblem in Sachsen in den Griff zu bekommen?

Mügge: Die Aufklärung ist extrem wichtig. Man muss den Leuten sagen: Ihr macht euch damit kaputt. Die Schäden sind irreparabel. Suchtberatung und Therapiemöglichkeiten sind ein weiterer Punkt – die müssen ausgebaut, intensiviert und verbessert werden. In der Regel brauchen Abhängige drei bis vier Therapieanläufe. Die Wirkung dieser Droge ist zunächst durchweg positiv. Es reichen deswegen ganz einfache Impulse und Reize, um das Verlangen wieder zu spüren, die Droge einzunehmen.

Wir haben in Sachsen ein erhebliches Fallaufkommen. Das muss von der Polizei und der Justiz bewältigt werden. Die Polizei und die Justiz müssen also personell und sachlich besser ausgestattet werden. Das fängt schon bei den kriminaltechnischen Laboren an, um den Wirkstoff nachweisen zu können. An diesem Punkt muss man auf jeden Fall auch ansetzen.

SACHSEN:BRIEF: Wie wichtig ist in diesem Zusammenhang die Zusammenarbeit mit der tschechischen Justiz?

Mügge: Wir haben am 13. Mai 2013 eine gemeinsame Kooperationsvereinbarung mit der Oberstaatsanwaltschaft in Prag geschlossen, die darauf abzielt, gemeinsam an einem Strang zu ziehen und Informationen auszutauschen – gerade in Bezug auf die Bekämpfung von Crystal. Auch auf regionaler Ebene bei den örtlichen Staatsanwaltschaften bestehen Kontakte zu den Partnerstaatsanwaltschaften auf der tschechischen Seite. Da kann ich sagen, dass wir auf einem sehr guten Weg sind.

Das Interview führte Peter Stawowy.