Im Interview mit Dr. Tassilo Lenk, Landrat des Vogtlandkreises

Im Interview: Vogtlandkreis-Landrat Dr. Tassilo Lenk (Foto: Wolfgang Schmidt, 2013)

WIR: Eine junge Familie will nach Sachsen ziehen. Wie überzeugen Sie diese Familie, dass sie sich für den ländlichen Raum entscheidet?

Dr. Tassilo Lenk: Wenn sie nach Sachsen ziehen will, hat sie sich für einen richtigen Schritt entschieden. Sachsen ist in vielen Parametern jetzt schon ein gut aufgestelltes Bundesland. Wir werden in Zukunft nicht irgendwo am Rande stehen, sondern Deutschland durch unsere Dynamik  mitbestimmen. Man muss sicherlich vorsichtig sein mit dem Begriff "Spitzenland", aber Sachsen gehört heute schon in die vordere Gruppe der Bundesländer und wird es in Zukunft erst recht sein.

Wenn junge Menschen kommen wollen, rate ich ihnen, sich nicht sofort nur auf den gegenwärtigen Hauptstrom Großstadt/Urbanraum zu konzentrieren und sich diesem Ziel zuzuwenden. Ich ermuntere sie, auch die ländlichen Räume jenseits der drei großen Städte genau anzusehen. In den zehn Landkreisen gibt es jetzt schon respektable Arbeitsplatzangebote, dort existiert Forschung und innovative Entwicklung, dort gibt es eine starke Kindergarten- und Bildungsinfrastruktur. Bildung wird das Maß für die persönliche und regionale Wettbewerbsfähigkeit  junger Menschen für die Zukunft sein. Angebote vielfältigster Art der weichen Standortfaktoren, etwa für Sport, Kultur, Freizeit runden das Bild für einen entsprechenden Lebens- und Wohnraum dort ab. Noch dezentraler befinden sich in den Kreisen die touristischen Gebiete. Leben, wo andere Urlaub machen. Und den Urlaub wird man auch nur dort machen, wo  das Gesamtgefüge der Daseinsvorsorge stimmt.

WIR: Wie verhindert man, dass Schulabgänger direkt in die Stadt ziehen? Oder ist es gut, doch erst einmal in die Stadt zu gehen, um eine Ausbildung zu machen und dann wieder zurück zu kommen?

Lenk: Es ist sicherlich für junge Menschen interessant und durchaus zu empfehlen, wenn man sich den Wind um die Ohren wehen lässt, indem man sich ausprobiert, die Welt kennen lernt, Erfahrungen sammelt, neugierig ist. Das ist wichtig für junge Menschen.

Wir können vom Grunde her die Jugend nur hier halten oder wieder zurückholen, wenn in prosperierenden Wirtschaftsräumen Sachsens stets qualitativ hochwertige Arbeitsplätze angeboten werden. Dabei muss die Bezahlung für die Arbeit stimmen. Man muss von seiner Arbeit heute ohne irgendwelche Zuschüsse leben können.

Für einen dafür mindestens notwendigen Lohn in Beziehung zur Produktivität der Unternehmen und der allgemeinen Lebenshaltungskosten muss es sinnvolle Lösungen geben, die uns für die Zukunft den Spielraum für Wettbewerbserfolg ermöglichen. So belasten uns derzeit eben auch die Energiepreise höher als in anderen Bundesländern, insbesondere in den Altländern, wo in der Regel höhere Löhne gezahlt werden.

WIR: Was kann ein Landkreis gegen den demografischen Wandel tun?

Lenk: Wir dürfen uns nicht primär nur auf die Folgen der demografischen Entwicklung einstellen, sondern viel mehr auch darauf, was getan werden muss, um sie abzufedern, teilweise sogar auszuschließen.

Hier sind wir wieder bei den notwendigen Vergleichbarkeiten der Lebensverhältnisse, in dem Zusammenhang der generellen Daseinsvorsorge und Infrastrukturausstattung in der  Gesamtfläche des Freistaates. Um es zu überspitzen: Das heißt natürlich nicht, dass in jeder Gemeinde eine Universität steht. Es geht aber um die unverzichtbaren Grundfunktionalitäten eines florierenden Wirtschafts- und Arbeitsmarktangebotes, des schnellen Internets als Teilhabe von Lebensvielfalt auch in den dezentralen Räumen, einer unverzichtbaren medizinischen Versorgung, dem Öffentlichen Nahverkehr in seiner möglichen Flexibilität und Mobilitätsanpassung, einer verlässlichen, bis in das letzte Haus anliegenden und preiswerten Energieversorgung, die uns keine Nachteile im nationalen und internationalen Wettbewerb bewirkt und natürlich um das breite Bildungsangebot in unmittelbarer Wohnortnähe, um nur einige Beispiele zu nennen. Das aktuelle Moratorium zum Erhalt von Grundschulen und Oberschulen in den dezentralen Räumen ist in dieser Hinsicht ein willkommener Schritt. Wir gehen im Vogtland das Thema Demografie mit einer über alle Fachbereiche wirkenden Diskussion an. "Vogtland 2020" ist ein Konzept, das alle zwei Jahre evaluiert wird und Handlungserfordernisse aufzeigt, die es umzusetzen gilt, um die Demografiesorgen einigermaßen zu beherrschen.

WIR: Sie haben von besten Voraussetzungen für den ländlichen Raum gesprochen. Gibt es diese in ganz Sachsen? Wo gibt es den größten Verbesserungsbedarf?

Lenk: Wir haben in den letzten 20 Jahren in einer beispiellosen Aufbau- und Gestaltungszeit nahezu alle Infrastrukturdefizite beseitigt und dies überall im Freistaat: die Altenheime, Krankenhäuser, Schulen, Verkehrsinfrastruktur, Wohngebiete, Wirtschafts- und Gewerbegebiete, touristische Infrastrukturen und vieles andere. Unter der Maßgabe der sich verringernden Bevölkerungszahlen ist heute und künftig eine sinnvolle Anpassung zu vollziehen, um die Kosten im Griff zu behalten. Das bedeutet an der einen oder anderen Stelle durchaus Rückbau.

Nicht alles kann und darf man allerdings von Kosten und nur von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen abhängig machen. Wie schon oben erwähnt, es geht um die vergleichbare Lebensfähigkeit in Sachsen überhaupt. Als Beispiel: Die Regionen benötigen eine verlässliche Schienenfernverkehrsanbindung, die sich über ein vertaktetes integriertes Schienen-Personen-Nahverkehrskonzept in die Fläche hinein verdünnt. Preisgünstigere Busanbindungen dort können durchaus unwirtschaftlichere Schienenangebote sinnvoll ersetzen. Wichtig ist und unverzichtbar zugleich, dass es den Öffentlichen Nahverkehr  weit in die Fläche hinein gibt und er nicht allein – die Tendenz ist zurzeit deutlich spürbar – von Tagesein- und -aussteigern abhängig gemacht wird. Ansonsten würden wir eine Grundfunktionalität der Lebens- und Wohnräume verlieren, was nicht geht.

WIR: Sehen Sie deshalb auch den Freistaat in der Pflicht, Konzepte zu erarbeiten, die solche Strecken finanziell unterstützen?

Lenk: Ja, natürlich. Es geht um generelle Betrachtungen von wirtschaftlichen Erfordernissen aus Prozessanalysen und deren Umsetzungsverpflichtungen einerseits und andererseits um das rechte Maß des solidarischen Handelns für funktionierende Lebensräume überall im Land.

Es geht also nicht nur um die reine Zahlenarithmetik, sondern um eine essentielle Gesamtverantwortung in unserem Land.

Hier muss der Freistaat alle notwendigen Rahmenbedingungen schaffen bis hin zu einer auskömmlichen Finanzausstattung, insbesondere in seinen Städten, Gemeinden und Landkreisen. Dazu sind wir nahezu täglich miteinander im Gespräch, leicht ist das allerdings nicht.

WIR: Wettbewerbe wie "Unser Dorf hat Zukunft" zeigen, dass es viele positive Beispiele in Sachsen gibt. Was machen diese Gemeinden ihrer Meinung nach richtig?

Lenk: Dass sie selbst das Heft des Handelns in die Hand nehmen und nicht darauf warten, dass es jemand für sie tut. Alle Themen, alle Aktivitäten sind dabei wichtig. Ermutigung statt Resignation, Hoffnungskraft, statt Lethargie füllt die Menschen dort aus.

Bei uns im Vogtland gibt es zum Beispiel einen kleinen Ort, da ist sinnbildlich gesprochen ein Neugeborenes schneller in einem Verein eingetragen, bevor es zum allerersten Mal die Mutterbrust erreicht.

Die Einstellung stimmt, da geschieht Mitnahme vom Kind bis zum Senior. Diese große Kraft ist angelegt, bestehende Nachteile und Herausforderungen besser in den Griff zu bekommen und daraus entstehen Lösungen, die es vorher in diesem Dorf noch nicht gab. Zum Beispiel, der Bürgerbus, ein Familienzentrum.

WIR: Was sollte bei der medizinischen Versorgung geändert werden?

Lenk: Es darf sich eigentlich nichts ändern, wenn in den nächsten Jahren altersbedingt viele Ärzte aus dem Beruf aussteigen. Medizinische Versorgung muss überall im Land stabil bleiben und deshalb muss es – verantwortlich für diese Dinge ist die Kassenärztliche Vereinigung – gelingen, eben diesen möglichen Missstand in den Griff zu bekommen.

Auch die Notarztversorgung muss stabil sein. Hier könnte man über neue Systeme nachdenken. Wie machen es andere Länder? Es erscheint denkbar, in vergleichbaren Hilfsfristen mit weniger Ärzten auszukommen.

Endlich hat die Kassenärztliche Vereinigung begonnen, die Versorgungsfragen durch kleinräumigere Betrachtungen in den Städten und Gemeinden zu optimieren. Mir erscheint hierbei ein einwohnerbezogener Indikationsschlüssel wesentlich sinnvoller.

Warum nehmen wir den Ärzten nicht bestimmte Arbeitsbereiche ab? Wir sind aus dem Vogtland mit dem Vorschlag unterwegs, den "Arzt-Assistenten" auf das Berufstableau zu setzen. Mit ihnen kann man auch eine ganze Menge mehr präventives Denken und Handeln erwirken, um krankmachende Wirkungen minimieren zu helfen. Die Amerikaner und Australier machen wohl etwas Vergleichbares.

Ich habe große Sorge für die ländlichen Räume in der zukünftigen tatsächlichen Versorgungssicherheit. Hier besteht aktuell ein bemerkenswertes, erkennbares Defizit.

WIR: Es gibt verschiedene Fördermöglichkeiten, die für den ländlichen Raum geschaffen wurden – auf Landes-, Bundes- und Europaebene. Sind sie mit diesen Fördermöglichkeiten zufrieden?

Lenk: Das Geld reicht eigentlich nie so recht. Der Freistaat ist für seine Kommunen dafür erster Ansprechpartner, obwohl wir die Erwartungen über unsere Spitzenverbände auch bei Bund und der EU nachdrücklich artikulieren und auf Lösungen drängen. Das sind in der Sache keinesfalls etwa nur einfache freundliche Kaffeerunden. Gut gelungen ist die Umsetzung der EU-Förderkulisse für den ländlichen Raum. Hier wurde es möglich – dem Ministerpräsident und auch dem Umweltminister sei an dieser Stelle gedankt –, dass es für die so gennannten ILE-Gelder eine dezentrale Umsetzungs- und Finanzverantwortung gab und gibt, die in den Landkreises verankert ist.

Wir entscheiden also vor Ort über die Notwendigkeiten und nicht durch ferne Zuständigkeiten. Das ist ein ganz positives Zeichen der letzten Jahre im Vergleich der vorhergehenden rund 15 Jahre.

WIR: Sehen Sie eine große Chance darin, wenn sich kleine Gemeinden zum Beispiel durch Gemeindefusionen verbinden?

Lenk: Größe allein bedeutet nicht zwangsläufig bessere Ergebnisse. Aber wenn Gemeinden zusammen erfolgreicher sein können, ist eine freiwillige Fusion durchaus ein sinnvoller Schritt.

WIR: Wie sieht der ländliche Raum in Sachsen in 20 Jahren aus?

Lenk: Wir stehen vor den bereits erwähnten großen Bevölkerungsveränderungen. Das Kleinere kann aber durchaus auch das Feinere werden. Der Druck wird zu neuen respektablen Lösungen führen, weil mit geistiger und emotionaler Kraft entschlossen gehandelt wurde und wird. Und deshalb wird unser Land im Wettbewerb der Zukunft zwischen den verschiedenen Regionen national und international bestehen und diesen führend mitgestalten.

WIR: Junge Menschen haben mit Mobilität selten ein Problem. Bei älteren Menschen wird das schwieriger...

Lenk: Die Menschen werden immer älter und bleiben damit auch länger fit. Für im späteren Alter verstärkt eintretende Bedürftigkeiten und Beschwerden genereller Art bestehen bereits jetzt respektable Hilfebegleitungen und Netzwerke. Diese Verantwortungsnahmen müssen erweitert und qualitativ verbessert werden. Daran wird im Land intensiv gearbeitet.

WIR: Sehen Sie die Bürger im ländlichen Raum selbst in der Pflicht, sich gegenseitig zu helfen?

Lenk: Die Bedeutung von Nachbarschaft wird eine andere Dimension bekommen. Gesellschaft in ihren kleinen Strukturen der unmittelbaren Nähe auf der eine Seite und in ihrer Größe auf der anderen Seite wird nur dann gut genug überleben können, wenn sie sich in der Gesamtkomplexität versteht und lebt. Mit den Zielen von Wachstum, Leistung, Anspruch und Renditebeurteilungen geht es allein nicht. Wertschätzung, Solidarität, Mitnahme, Hilfe zwischen den Menschen muss möglich sein und wird möglich werden. Das spüren wir ja heute auch schon deutlich, wo wirklich Hilfe benötigt wird.

Dies kann der Staat nicht alles selbst regeln, wohl die Grundlagen und Rahmenbedingungen dafür schaffen. Die Umsetzung, das Hineinwirken bleibt letztlich abhängig von dem Wollen der Menschen selbst.

An dieser Stelle bin  ich allerdings persönlich sehr positiv und optimistisch aufgestellt, was die Zukunftskraft unseres Landes betrifft, wenn wir nur an die vor wenigen Monaten erfolgte großartige, einmalige Hilfsbereitschaft der Menschen beim Juni-Hochwasser 2013 denken.


Das Interview führte Nicole Kirchner.