Im Interview mit Dr. Ulf Tippelt, Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen: "Sachsen ist ein Spitzensport-Land"

Im Interview: LSB-Generalsekretär Dr. Ulf Tippelt (Foto: Anja Jungnickel, 2013)

WIR: Im Bundesvergleich: Kann Sachsen mit dem Spitzensport zufrieden sein?

Dr. Ulf Tippelt: Verglichen mit anderen Bundesländern kann man wirklich sagen: Sachsen ist ein Spitzensport-Land, ein Leistungssportland. Wir haben überproportional viele Kader, Spitzensportler und Leistungssportler in unserem Land. Wir haben überproportional viele Stützpunkte, die nach Sachsen gegeben werden. Wir haben 22 Bundesstützpunkte. Wir haben in unseren zwei Olympiastützpunkten wirklich eine große Anzahl an Athleten, die auf die Olympischen Spiele hintrainieren und viele, die dort dann auch erfolgreich sind. Darauf sind wir als Organisation sehr stolz.

WIR: Trotzdem heißt es immer wieder: Es fehlen im Leistungssport die jungen Talente. Warum ist es so schwierig, Nachwuchs zu finden?

Tippelt: Es gibt viele Faktoren. Heute leben in Sachsen nur halb so viele Kinder und Jugendliche wie Anfang der 1990er Jahre. Das zweite Problem ist, dass der Weg zum Sport heute keine Selbstverständlichkeit mehr ist. Das Umfeld, in denen viele Kinder leben, macht eine Talentgewinnung schwierig. Das fängt beim ganz normalen Schulalltag an: Wir haben Ganztagsangebote in Schulen, die zum Teil die Talententwicklung in Schulen fördern, sich aber andererseits negativ auswirken können, weil Kinder gar nicht mehr die Zeit haben, in den Vereinen zu trainieren. Trotzdem müssen wir aber noch mehr mit den Schulen zusammenarbeiten, damit wir Kinder für den Leistungssport finden können.

WIR: Wenn es um Sportförderung geht, heißt es oft, dass mehr Geld benötigt wird...

Tippelt: Die Diskussion um mehr Geld kommt daher, dass in anderen Ländern deutlich mehr investiert und mittlerweile deutlich professioneller gearbeitet wird. Diesen Schritt ist man in Deutschland noch nicht so konsequent gegangen. Das geht bei der Sichtung von Kindern los. Nur mit entsprechendem Personal kann man junge Talente finden. Gerade am Anfang der leistungssportlichen Karriere steht das Aufbautraining. Wenn man das als ehrenamtlicher Übungsleiter nach dem Feierabend macht, kann man nicht verlangen, dort die qualitativ gute Arbeit zu leisten, die notwendig ist, um mit wenig Kindern trotzdem ein hohes Leistungsniveau zu erreichen. Es gibt schon Ansätze mit sogenannten Regionaltrainern. Sie sollen in den Schulen schauen, welche Kinder das Potenzial haben auch mal Leistungssport zu treiben. Wenn wir davon mehr hätten, würden wir mehr Kinder für unsere Organisation erreichen.

Wenn wir an den Spitzensport denken, dann geht es darum, dass sich auch die Wettkampfsysteme gewaltig entwickelt haben: zum Beispiel im Judo. Früher gab es die Qualifikation für die WM. Heute müssen Judokas durch die ganze Welt reisen, um Weltcuppunkte zu sammeln, um überhaupt einen Startplatz bei einer WM zu bekommen. Das kostet viel Geld.

Für uns im Land heißt das, dass wir natürlich im Nachwuchsleistungssport, für den wir im Landessportbund zuständig sind, unsere Hausaufgaben machen müssen. Dort sehe ich vor allem in der Bezahlung unserer Landestrainer, die Zahl unserer Landestrainer und die Sichtungsfragen, wo wir Geld brauchen, um die Verbände entsprechend zu unterstützen.

WIR: Sponsoring ist ein wichtiges Thema. Ist es in den letzten Jahren schwieriger geworden, Sponsoren zu finden?

Tippelt: Das Sponsoring hat sich nicht verschlechtert, es hat sich aber auch nicht gravierend verbessert. Es ist ja sehr erfreulich, dass wir in Sachsen Unternehmen haben, die wirtschaftlich stabil sind. Es sind aber relativ wenige Unternehmen bereit oder in der Lage, sich im Leistungssport als Sponsor einzubringen. Die Großen, die wir in Sachsen haben, haben meistens ihre Firmenzentrale und Marketingabteilung nicht in Sachsen. Das wirkt sich auf Entscheidungen der Unternehmen aus. Es gibt positive Ausnahmen, aber wir haben viele Stützpunkte und Spitzensportler in Sachsen. Deshalb ist natürlich auch eine überproportionale Unterstützung durch die Wirtschaft notwendig, weil die Athleten und die Vereine im Spitzensport über Sponsorenmittel abgesichert werden müssen. Da ist die Bereitschaft, sich dort mit privatem Geld zu engagieren nach wie vor zu gering. Man muss aber auch sagen, dass es in Deutschland generell so ist. Das private finanzielle Engagement im Spitzensport ist viel geringer als zum Beispiel in Großbritannien und den USA. Das merken wir natürlich auch in Sachsen, dass diese Philosophie  – "Wir müssen als Unternehmen auch für den Sport in Sachsen etwas tun" –  gar nicht so in den Köpfen drin ist.

Was man aber bei der ganzen Diskussion um Geld auf keinen Fall vergessen darf: Ohne die Unterstützung der Bundespolizei, der Bundeswehr und neuerdings auch der Landespolizei wäre es für Spitzenathleten gar nicht möglich, Spitzensport zu betreiben. Nur das gibt die notwendige Sicherheit und auch die notwendigen Freiheiten.

WIR: Wie gut ausgestattet sind Sachsen Sportstätten?

Tippelt: Zuerst kann man sagen, dass sich in den letzten Jahren wirklich viel entwickelt hat: Bund, Freistaat und Kommunen haben viel investiert. Trotzdem brauchen wir nach wie vor Sanierungsmaßnahmen. Auch die Sportstätten, die unmittelbar nach der Wende saniert worden sind, sind inzwischen 20 Jahre alt – die Standards haben sich im Laufe der Zeit aber weiterentwickelt. Wir sehen nach wie vor einen großen Bedarf im breitensportlichen Bereich, vor allem was den Zustand der Sportstätten angeht.

Der Landessportbund Sachsen ist in der Vergangenheit immer wieder an die Politik herangetreten und wir werden auch in den nächsten Jahren weiter auf die Politik zugehen, um einen Schub der Investition in Sportstätten zu bewirken. Da geht es weniger um Neubau, als viel mehr um Sanierungen. 

WIR: Wie steht es um die hauptamtlichen Trainer? Viele von ihnen gehören ja der älteren Trainergeneration an.

Tippelt: Wir haben generell Trainerprobleme in Deutschland, das macht natürlich vor Sachsen auch keinen Halt. Es gibt einige Ausschreibungen für attraktive Trainerstellen, für die sich leider niemand mit ausreichender Qualifikation findet. Deswegen sage ich: Gott sei Dank sind die älteren Trainer noch da und Gott sei Dank gelingt es in einigen Sportarten, junge Leute heranzuführen, die dann von diesen auch noch ordentlich geschult werden. 

WIR: Mit welchen Problemen haben Vereine, die vor allem im Breitensport tätig sind, zu kämpfen?

Tippelt: Für Vereine ist ein großes Problem, Sportstätten für den Breitensport zu finden. Das zweite Problem ist, immer wieder ehrenamtliche Übungsleiter zu gewinnen, die bereit und qualifiziert sind, Übungsgruppen aufzubauen und zu betreuen. Jeder ist motiviert zu einer Übungseinheit zu gehen, wenn er dort auf Menschen trifft, mit denen zusammen er gern Sport treibt. Deswegen haben die Übungsleiter jede Menge Verantwortung. Wir sind sehr froh, dass wir nicht sagen müssen, dass das Ehrenamt im Sport weniger attraktiv ist als in der Vergangenheit. Aber Sachsens Sportvereine wachsen weiter. Deswegen wünschen wir uns, dass sich noch viel mehr Bürger dazu bereit erklären, ehrenamtliche Funktionen im Verein zu übernehmen. Da schauen wir auch auf die Zielgruppe der Älteren, die vielleicht mit dem Berufsleben schon abgeschlossen haben.

WIR: Ein Punkt, der immer wichtiger wird, ist der Seniorensport. Wo stehen wir da?

Tippelt: Natürlich ist der Kinder- und Jugendsport der Lebensquell für Sportvereine. Aber immer mehr Vereine haben erkannt, dass auch im Seniorenbereich gewaltiges Potenzial liegt, sowohl für Sporttreibende als auch für das Ehrenamt. Deswegen freuen wir uns sehr, dass sich die Zuwachsraten bei den Mitgliedern gerade im Seniorensport sehr stark abbilden. Es gibt immer mehr ältere Menschen und zunehmend mehr, die auch mit 60 noch fit sind und die sich gerne sportlich betätigen wollen. Dem muss man Rechnung tragen. Das tun viele Vereine, aber da geht noch mehr.

WIR: Ende September wählt der Landessportbund einen neuen Präsidenten. Wo sehen Sie die wichtigste Aufgabe des LSB in naher Zukunft?

Tippelt: Die Aufgabe des Präsidenten des Landessportbundes Sachsen ist natürlich vorrangig, den Sport in der Gesellschaft zu positionieren. Das Auslaufen des Solidarpakts, die Demografie, die weiter wirkt – das sind so Dinge, warum es darauf ankommt, den Sport als wichtigen Faktor im gesellschaftlichen Leben in Sachsen zu positionieren. Es wird zukünftig noch mehr als in der Vergangenheit um Prioritätensetzung gehen. Da wollen wir einen Präsidenten wählen, der das auch entsprechend kraftvoll mit Optimismus und guten Argumenten kann.

WIR: Was sind das für Prioritäten?

Tippelt: Wenn ein Bürgermeister in Finanzknappheit ist, dann muss er überlegen, was er in seiner Kommune zu bewältigen hat. Dann muss er die Pflichtaufgaben und freiwilligen Aufgaben durchgehen. Es ist deswegen wichtig, dass Argumente des Sports bei dieser Entscheidung Gewicht haben. Unter den wichtigsten Dingen für das Wohlergehen der Bürger muss der Sport dabei sein. Das gilt auch auf Landesebene. Der Präsident muss mit den Parteien reden und genau aufzeigen, in welchen Bereichen im Sport in Zukunft investiert werden muss.

WIR: Sachsen ist bei sportlichen Großereignissen immer noch eher ein Außenseiter...

Tippelt: Wir haben in Sachsen eine ganze Menge attraktiver Veranstaltungen, gerechnet auf die Einwohnerzahl und Größe Sachsens, wenn man das im Bundesmaßstab vergleicht. Sie haben aber völlig Recht, wir könnten da noch besser sein. Das ist ein Thema, zu dem wir uns mit den Veranstaltern verständigen müssen. Es ist nur so: Wenn man in einer Organisation ist, wo viele Engagierte arbeiten, hat jeder für sein Thema die Vorstellung, dass es wichtig ist und es ausgebaut werden muss. Da werden wir nicht alles können. Deswegen werden wir uns mit Verbänden, Kommunen und dem Freistaat darüber verständigen müssen, was die herausragenden Veranstaltungen sind, wo wir uns in Sachsen auch wirklich auf der Landkarte etablieren wollen und diese nachhaltig unterstützen.

Klingenthal im Skisprung ist ein Punkt. Das muss nachhaltig in den Wettkampfkalender hinein. Oder nehmen wir Short Track in Dresden,das ist der wichtigste Standort dieser Sportart in Deutschland. Also müssen dort auch nachhaltig entsprechende Veranstaltungen, Weltmeisterschaften und Weltcups stattfinden. Gleiches gilt für die Bobbahn in Altenberg. Leipzig hat eine der herausragenden Handball-Mannschaften und auch traditionell hat Handball in Leipzig eine große Bedeutung. Die Wildwasserstrecke in Markkleeberg ist die modernste in Deutschland – da muss Leipzig im Kanuslalom immer vorne dran sein. Wir würden uns wünschen, auch im Kanurennsport oder im Rudern mit einer hochkarätigen Veranstaltung auftauchen zu können, aber da fehlen im Moment die Bedingungen dazu. Wenn ich in Richtung Leichtathletik blicke, haben wir keine taugliche Sportstätte in ganz Sachsen, wo man selbst nur eine Deutsche Meisterschaft austragen könnte. In so einer Kernsportart ist das natürlich kein Zustand, der uns zufrieden stellt.

WIR: Steht "Olympia in Leipzig" noch auf der Agenda?

Tippelt: Nein. Auf der Agenda sollte stehen, hochkarätige und nachhaltige Wettkämpfe in den Sportarten hier nach Leipzig und Sachsen zu holen und vielleicht darüber nachzudenken, welche anderen Formate es gibt. Es gibt zum Beispiel die Youth Olympic Games, die eine Nummer kleiner sind als die Olympischen Spiele. Wenn es um Sommerspiele in der Zukunft geht, dann wird aus meiner Sicht die Bundeshauptstadt gefordert sein, im Winter München. Sachsen sollte auf der Landkarte eine Region sein, die hochqualitative Veranstaltungen absichern kann, wo die Welt gern hinkommt und gern draufschaut. Das gelingt uns mit Sicherheit.

WIR: Das nächste sportliche Großereignis sind die Olympischen Winterspiele 2014. Wen sehen Sie da als Sachsensportler auf dem Siegertreppchen?

Tippelt: Wünschen würde ich mir sehr viele Medaillen. Aber man muss natürlich sagen, die Konkurrenz in der Weltspitze ist unwahrscheinlich groß und häufig liegt zwischen einer Goldmedaille und dem achten Platz ein Bruchteil. Insofern muss man sehr viele Athleten am Start haben, die das Potenzial mitbringen, eine Medaille gewinnen zu können. Ich glaube, wir sind in der Nordischen Kombination, sowohl in den Einzeldisziplinen als auch in der Mannschaft mit Björn Kircheisen und Eric Frenzel hervorragend aufgestellt. Wir haben im Bereich Skispringen mit Richard Freitag und Ulrike Gräßler zwei Sportler, die in der Weltspitze ganz vorn mit dabei sein können. Wir haben unser Eiskunstlaufpaar, das mit Sicherheit eine hervorragende Rolle spielen kann und drei Spitzen-Bobpiloten. Wir hoffen, dass sächsische Athleten so fünf bis sieben Medaillen holen können. Wenn das gelingt, wäre das wieder ein großer Erfolg. 

Das Interview führte Nicole Kirchner.