"Die Zusammenarbeit von Sachsen und der Tschechischen Republik kann Inspiration für ganz Europa sein" – Tschechiens Botschafter spricht zum Buß- und Bettag über Europa im Wandel

Botschafter der Tschechischen Republik in der Bundesrepublik Deutschland, Tomáš Jan Podivínský (© Jürgen Männel, 2016)

17.11.2016 | Bedrohen die Krisenherde in der Welt die Europäische Wertegemeinschaft oder zerstören die innerpolitischen Konflikte die Einigkeit unter den Mitgliedstaaten? Ist die Europäische Union den aktuellen Herausforderungen gewachsen? Der Umgang mit der Flüchtlingskrise, das Ringen um das Freihandelsabkommen mit Kanada und die Folgen des "Brexit" sind die Herausforderungen, vor denen Europa im Moment steht. Diesen Fragen ging der Botschafter der Tschechischen Republik in Deutschland auf gemeinsame Einladung der CDU-Landtagsfraktion und der Stiftung Frauenkirche nach. Traditionell wurde zum Buß- und Bettag in die Dresdner Frauenkirche eingeladen.

Nicht nur dem Volk aufs Maul schauen

"Die Errungenschaften der Reformation müssen gelebt werden": Frauenkirchen-Pfarrer Sebastian Feydt (© Jürgen Männel, 2016)

Mit Blick auf das bevorstehende Reformationsjahr leitet Frauenkirchen-Pfarrer Sebastian Feydt als Hausherr in das JACC-Forum mit dem Grundgedanken der Reformation ein: "Die Widersprüche in der Welt annehmen, sie versuchen zu lösen und den Menschen immer wieder die eigenen Werte vorleben." Es reiche nicht aus, frei nach Luther "dem Volk aufs Maul zu schauen", sondern die geistigen, kulturellen und politischen Veränderungen, die die Reformation brachte, müssten gelebt werden.

Diskussion als Chance

Lobte die Beziehung zwischen Sachsen und Tschechien: CDU-Fraktionsvorsitzender Frank Kupfer (© Jürgen Männel, 2016)

Dass die Europäische Union ein Garant für den Frieden ist, dass noch vor 26 Jahren eine so enge und feste Beziehungen wie die zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik undenkbar waren, stellt Frank Kupfer heraus. "Die Diskussion, was uns Werte wert sind, kann uns spalten – gemeinsam geführt, bringt sie aber oft Gemeinsamkeiten ans Licht", so der Fraktionsvorsitzender der CDU-Landtagsfraktion.   

Den Blick stets nach vorn richten

Fordert Zusammenhalt in Europa: Tschechiens Botschafter Tomáš Jan Podivínský (© Jürgen Männel, 2016)

Tomáš Jan Podivínský, vorgestellt als studierter Journalist, Absolvent der renommierten Diplomaschen Akademie in Prag und ehemaliger Umweltminister ist seit 2015 Botschafter der Tschechischen Republik in Berlin. In seinem Vortrag macht Podivínský deutlich, wie stolz er auf sein Land ist und darauf, dass seine Heimat Mitglied der Europäischen Union ist. "Wir haben von offenen Grenzen und dem Binnenmarkt profitiert, aber auch die Mitgliedstaaten profitieren von uns", so der Botschafter. Auch wenn vor zehn Jahren die Gedanken über den Zusammenhalt innerhalb der EU überwiegend positiver waren, gilt es in Krisenzeiten den Blick fest nach vorn zu richten. Mut und Engagement seien die Voraussetzungen, es gelte die Zivilgesellschaft zusammenstehen zu lassen. "Die Folgen des Ausstiegsvotums der Britten dürfen die Wertegemeinschaft nicht aushebeln, die unterschiedlichen Ansichten über die Lösung der Flüchtlingskriese unsere Grundwerte der Solidarität nicht beschädigen und die Walonen mit ihren 0,7 Prozent Bevölkerungsanteilen in der EU unser Verständnis von Demokratie nicht verwirren lassen", so der Podivínský.

"Deutschland ist Inspiration und Schmerz zugleich"

Zahlreiche Gäste folgten der Einladung zum Buß- und Bettag in die Dresdner Frauenkirche (© Jürgen Männel, 2016)

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik sei für die einen geprägt von den schlimmsten Ängsten, für die anderen die größte Chance. Doch die schmerzhaften Zeiten überließe man lieber den Historikern. "Der Blick müsse nach vorn gerichtet bleiben, auf das was uns verbindet und stärkt." Persönliche freue es ihn außerordentlich, wenn die Bundeskanzlerin Angela Merkel betone, welch' wichtiger Partner die Tschechen seien. "Deutschland ist Inspiration und Schmerz zugleich", beschrieb vor 22 Jahren der Präsident der Tschechischen Republik Vaclav Havel das nachbarschaftliche Verhältnis seines Landes mit den deutschen Nachbarn. Nach Ansicht Podivínskýs sind dies noch immer treffende Worte.

Jeder trägt Verantwortung

Sachsens und Tschechiens Beziehung zeigt, wie Europa funktionieren kann (© Jürgen Männel, 2016)

Der Diplomat fordert: Europa solle sich ändern, müsse aus den Fehlern der Vergangenheit lernen, sie nicht wiederholen – so der eindringliche Wunsch Podivínskýs. "Jeder trägt Verantwortung für den Frieden in Europa und müsse dafür kämpfen." Vorbild könne die guten Beziehungen zwischen Sachsen und Tschechien sein. Es sei eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, grenzüberschreitend und mit vielen gemeinsamen Interessen. Großprojekte wie im Bereich des Rettungswesens, dem Hochwasserschutz und der Zusammenarbeit der Polizeibehörden seien zukunftsweisend und inspirierend für Europa. Um die Region Sachsen–Tschechien müsse man sich nicht sorgen: "Wir sind der Beweis, dass es geht, besinnen wir uns auf unsere gemeinsamen europäischen Grundwerte."