Qualität & Quantität in der Lehrerausbildung – das 9. Schulpolitische Forum zum Thema „Seiteneinsteiger – Notlösung oder Bereicherung?“

Im Fokus des 9. Schulpolitischen Forums stand der Einsatz von Seiteneinsteigern an Sachsens Schulen (Foto: © CDU-Fraktion)

(Dresden, 7. Februar 2017) Ein frischer Wind weht durch Sachsens Schulen: Sie heißen Frau Limburger oder Herr Rähnitz und sie sind Seiteneinsteiger im Lehrerberuf. Sie wechseln also ohne den klassischen Dreisatz – Lehramtsstudium, Referendariat, Staatsexamen – aus ihrer angestammten Tätigkeit in den herausfordernden Bildungssektor. Aber wie so oft weht der Wind aus wechselnden Richtungen, namentlich in Form von Kritik an dieser sogenannten Notlösung. Wie genau diese Kritik aussieht und wie sich ein gemeinsamer Nenner finden lässt, darüber wurden die Meinungen zum 9. Schulpolitischen Forum ausgetauscht. Eingeladen hatten dazu, am 4. Februar 2017, die CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages und die Lehrerverbände im SBB Beamtenbund und Tarifunion Sachsen ins Deutsche Hygiene-Museum Dresden.

Die sächsische Kultusministerin Brunhild Kurth führte mit einem Impulsreferat in das komplexe Thema „Seiteneinsteiger“ ein.

Nach der Begrüßung der fast 100 Fachbesucher durch Dirk Baumbach, den Landesvorsitzenden des Lehrerverbandes Berufliche Schulen Sachsen e. V., übernahm Brunhild Kurth das Wort und führte mit ihrem Impulsreferat in das komplexe Thema „Seiteneinsteiger“ ein. Die Sächsische Staatsministerin für Kultus brachte aktuelle Zahlen aus ihrem Ressort mit, die die Lehrerbedarfsprognose aus dem vergangenen Dezember aufgezeigt hatte: Bis zum Schuljahr 2025/2026 werden in Sachsen etwa 1.900 Vollzeitstellen zusätzlich zu den heutigen rund 29.000 Stellen benötigt. Bis dahin werden jährlich weit über 1.000 Lehrer in Rente gehen und ebenfalls ersetzt werden müssen. Dieser steigende Bedarf kann nicht über die Absolventen der Universitäten des Freistaats abgedeckt werden. Kurth dazu: „Diese Lücke zu schließen, ist eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahre.“

Da eine Lehrerausbildung etwa sieben Jahre dauert und bis zum tatsächlichen Berufseinstieg bis zu 50 Prozent der jungen Absolventen verlorengehen (Studienabbruch, berufliche Alternativangebote etc.), könnte selbst mit einer Verdopplung der universitären Kapazitäten frühestens im Jahr 2024 mit einem Gleichstand zwischen ausscheidenden Lehrern und Berufsanfängern gerechnet werden. Doch sogar diese Rechnung steht auf wackligen Füßen, da niemand den Verbleib der jungen Menschen im Freistaat garantieren könne. Ein Grund für eine mögliche Abwanderung seien eben auch finanzielle Aspekte: „Mit den Gehältern der verbeamteten Lehrer in den übrigen Bundesländern können wir nicht konkurrieren“, sagt die Kultusministerin. „Und das wird wohl auch so bleiben.“ Lohnanreize wird es freilich trotzdem geben müssen und so sprach sich die Ministerin an diesem Nachmittag für eine Anhebung des Gehalts für Grundschullehrer in die Entgeltgruppe E12 aus.

Die große Lösung sieht Brunhild Kurth jedoch nur in weiteren Sonderzielvereinbarungen mit den sächsischen Universitäten zur Erhöhung der Lehramtsstudienplätze und der Ausweitung des Programms zur Einstellung und Ausbildung von Seiteneinsteigern. Bereits 2016 wurden ca. 700 freie Stellen mit Seiteneinsteigern besetzt – zum Teil unter chaotischen Umständen, die sich so nicht wiederholen dürften. „Niemand darf sich ins kalte Wasser geworfen fühlen! Der Lehrerberuf ist hochanspruchsvoll und benötigt fachliche Weiterbildung und gleichzeitig Betreuung der „Neulehrer“ durch gestandene Kollegen an den jeweiligen Schulen.“ Seit diesem Januar gibt es nun erstmals eine dreimonatige Einstiegsqualifizierung, in der sich Unterrichtshospitationen und Seminare abwechseln. Erst danach geben die Seiteneinsteiger selbst Unterricht. Sie ist Teil des Maßnahmenpakets zur Lehrerversorgung der Staatsregierung, das vergangenen Herbst verabschiedet wurde. Neben finanziellen Anreizen, beispielsweise für ältere Lehrer oder Lehrer für ländliche Regionen, wurden auch Entlastungen, u.a. von Verwaltungsaufgaben, beschlossen. Bis 2019 sind dafür 213 Millionen Euro in den Doppelhaushalt eingestellt.

Der Dresdner Bildungsexperte Prof. Dr. Axel Gehrmann gab einen Überblick zu Entwicklungen innerhalb des Schulsystems in den vergangen Jahrzehnten. (Foto: © CDU-Fraktion)

Nach der kämpferischen Rede von Brunhild Kurth nahm Prof. Dr. Axel Gehrmann, Geschäftsführender Direktor des Zentrums für Lehrerbildung, Schul- und Berufsbildungsforschung der TU Dresden, die Gäste auf eine spannende Zeitreise und ordnete die aktuelle Lage anhand von historischem Material ein. Neben Fakten, u.a. zu Schülerzahlen, Schulstrukturen und Echo-Effekten durch schwache Geburtenjahrgänge, aus den vergangenen 60 Jahren lieferte er Statistiken, die zeigten, dass viele der Probleme zwar hausgemacht sind, aber ihren Ursprung teilweise vor 30 oder 40 Jahren haben. Er sieht den Handlungsbedarf der Politik, aber räumt ein, „dass der Ersatzbedarf an Lehrern wohl nie 1-zu-1 gedeckt werden kann. Wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte dazu anschaut, wäre alles andere Wunschdenken.“ Prof. Dr. Gehrmann hält die Einstellung von Seiteneinsteigern keineswegs für eine Notlösung, zumal es Seiteneinsteiger in den Schuldienst schon immer gegeben hat. Vielmehr seien diese den eigenen Forschungsergebnissen nach oftmals sogar höher motiviert und brächten bessere Prüfungs- und Praktika-Leistungen als die grundständigen Lehramtsstudenten. Nachholbedarf hätten Seiteneinsteiger jedoch oft in ihrem Zweitfach.

Die Podiumsteilnehmer waren sich einig, dass der Berufsstart für die Seiteneinsteiger landesweit praktikabel sein muss: CDU-Bildungsexperte Lothar Bienst, Seiteneinsteiger Markus Schicht an der Oberschule Wilthen und der Leiter der SBA in Bautzen Mathias Peter (v.l.n.r). (Foto: © CDU-Fraktion)

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion standen Mathias Peter, Leiter der Sächsischen Bildungsagentur, Regionalstelle Bautzen, die Seiteneinsteiger Olaf Süß, Markus Schicht und Michael Janze, sowie Jens Weichelt, Landesvorsitzender des Sächsischen Lehrerverbandes und das Mitglied des Landtags, Lothar Bienst, zugleich Vorsitzender des Arbeitskreises für Schule und Sport der CDU-Landtagsfraktion, Rede und Antwort. Die Moderation übernahm die MDR-Journalistin Ine Dippmann. Die ultimative Lösung konnten jedoch weder die Experten aus Politik und Verwaltung, noch die geladenen Seiteneinsteiger anbieten. Dennoch formulierten sie Wünsche aus ihren unterschiedlichen Perspektiven: Für die drei Seiteneinsteiger im Podium war es erkennbar wichtig, „dass sie Unterstützung bekommen, den Überblick zu behalten.“ Dies vor allem in Zusammenhang mit der jeweils individuellen Weiterqualifizierung, um an Ende als vollständig ausgebildeter Lehrer vor der Klasse zu stehen. Mathias Peter betont die besondere Verantwortung, die der Bildungsagentur zukommt: „Unsere Aufgabe und unser Bestreben ist es, jedem Bewerber die bestmögliche Unterstützung zu geben, in seinem Wunschberuf Lehrer anzukommen. Dafür benötigen wir von der Politik die notwendigen Vorgaben in Verbindung mit umsetzbaren Regelungen.“ Jens Weichelt möchte in Zusammenarbeit mit den Universitäten bessere Abschlussquoten erreichen. „Dazu müssen die Studenten immer wieder neu ermuntert werden, denn auf sie kommt es am Ende an“, erklärt er. Und weiter: „Nach einem erfolgreichen Abschluss sollten wir in der Lage sein, den Lehrern ein attraktives Berufsfeld anzubieten.

Einig waren sich das Publikum und die Bildungsexperten darin, dass mit der Einstiegsqualifizierung ein guter Anfang gemacht ist. Sie appellierten zudem an die Schulen, sich den Neuen zu öffnen und neugierig zu sein, was diese an Ideen in den Schulalltag mitbringen. Wichtig sei nun, den Berufsstart für die Seiteneinsteiger landesweit praktikabel zu machen: „Dafür müssen viele Stellschrauben gedreht werden“, erklärt CDU-Abgeordneter Lothar Bienst. „Für uns als Bürgervertreter ist es daher wichtig, dass die kleinen und großen Probleme an uns herangetragen werden. Erst dann können wir dem nachgehen.“ Außerdem sollten die Seiteneinsteiger die bestmögliche Förderung erhalten indem ihre Unterstützung durch abgeordnete Lehrer an Universitäten sowie Mentoren an den Schulen personell abgesichert wird. Für die Zukunft gilt zudem, den Berufseinsteigern, den „Neulehrern“ und den langjährigen Lehrern ein sozial gerechtes und wertschätzendes Arbeitsumfeld zu bieten. „Die harte Währung sind Gehalt, Arbeitszeit und Sicherheit in der Beschäftigung“, sagt dazu Bildungsexperte Prof. Dr. Gehrmann. „Ohne diese Kraftanstrengung sind die aus der Lehrerbedarfsprognose abgeleiteten Herausforderungen nicht zu stemmen.“