Kultur ist eine Brücke in beide Richtungen

Bilder: © CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages, Jürgen Männel, 2015

"Wer A sagt, muss auch B sagen wollen" – so lässt sich das Ergebnis der Diskussionsreihe "Kultur trifft" am 8. Dezember 2015 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden zusammenfassen. Denn Zuwanderung darf nicht in Parallelgesellschaften münden, sondern erfordert Integration auf allen Seiten. Unter dem Titel "Kultur trifft: Neues und (noch) Fremdes" hatte die CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages deshalb hochkarätige Podiumsgäste in den Martha-Fraenkel-Saal eingeladen. Diese diskutierten vor einem interessierten Publikum, welche Aufgaben der Kultur beim Thema Zuwanderung und Integration zukommen. Wurde bisher in der Öffentlichkeit oft über das Fremde als Gefahr für das Heimische polemisiert, sollte sich dieser Abend vor allem der Notwendigkeit des Brückenbauens und Händereichens widmen.

»Die Gesellschaft wird bunter und vielfältiger. Und das ist absolut nichts Neues für Sachsen.« — Aline Fiedler, kulturpolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion

CDU-Kulturpolitikerin Aline Fiedler

Nach der Begrüßung durch die Vorsitzende des CDU-Arbeitskreises für Wissenschaft und Hochschule, Kultur und Medien am Sächsischen Landtag, Aline Fiedler, fasste Sachsens Ausländerbeauftragte Geert Mackenroth noch einmal die aktuelle Situation zusammen. Seine Analyse mündete in einen Dreischritt, der die nachfolgende Diskussion einleitete: Erstens wird es ohne ausreichende Bildung keine Integration geben. Zweitens werden die Flüchtlinge in Zukunft nicht unwesentlich zum Erhalt des Wohlstands in Deutschland beitragen. Und – beziehungsweise aber – drittens darf niemand erwarten, dass sich Integration von allein regelt.

»Holschuld oder Bringschuld? Beides!« — Geert W. Mackenroth, Ausländerbeauftragter des Freistaates Sachsen

Wie gelebte Integration aussieht, zeigte das zweite Impulsreferat des Abends. Felicitas Loewe, Intendantin des Dresdner Theaters Junge Generation (tjg), berichtete von der Arbeit ihres theaterpädagogischen Teams, einheimischen und geflüchteten Kindern die Möglichkeit zu geben, sich mittels Kunst näherzukommen und die jeweils andere Perspektive kennenzulernen. Das passiere nach ihren Erfahrungen immer auf Augenhöhe und führe zur Nivellierung sozialer und kultureller Unterschiede. Je nach Altersstufen werden dabei Schulklassen mit Themen konfrontiert, die durch die Beteiligung von Asylsuchenden, Flüchtlingshelfern, Ärzten oder Betreuern zu authentischen Gesprächen führen und gerade den jungen Menschen zur Ausbildung eines unabhängigen Meinungsbildes helfen.

»Das Fremde steckt in jedem von uns. Aus der Sicht von Erwachsenen ist auch die Arbeit mit Kindern, Arbeit mit Fremden.« — Felicitas Loewe, Intendantin des Theaters Junge Generation

Die beiden Einführungen aus Theorie und Praxis nutzte dann Moderator Ulf Großmann, Präsident der Kulturstiftung Sachsen, als Vorlage seine Gesprächsgäste vorzustellen und der Frage nachzugehen, wie das (noch) Fremde auf dem Weg der kulturellen Auseinandersetzung integriert werden könne. Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne am Sächsischen Staatsschauspiel, gab zuerst einen Einblick in das Projekt "Montagscafé", welches ehrenamtlich organisiert wird und wöchentlich bis zu 500 Menschen zusammenbringt. Neben einem theaterpädagogischen Angebot können Geflüchtete dort unter anderem Deutsch lernen und den Kontakt zu den Dresdner Gästen aufnehmen. Das Projekt ist äußerst erfolgreich und übertraf damit auch Erwartungen aller Experten. Das liegt aber auch daran, dass anderen Initiativen schlicht die Räume für eigene Angebote fehlen. Hier müsse sich aus Tscholls Sicht etwas tun, denn der Bedarf ist auf beiden Seiten da.

»Wir sind am Ende unserer strukturellen Kapazitäten. Es braucht noch viel mehr Orte der Begegnung. Da ist auch die Politik gefragt.« — Miriam Tscholl, Leiterin der Bürgerbühne am Sächsischen Staatsschauspiel

Zahlreiche Gäste folgten der Einladung ins Deutsche Hygienemuseum nach Dresden

Christian Schramm, Präsident des Sächsischen Kultursenats, forderte im Anschluss, dass die Zivilgesellschaft mehr Rückgrat zeigen und dumpfen Rassismus mit einer klaren Meinung begegnen sollte. Dabei sieht er vor allem den Kulturbereich in der Pflicht und nahm damit Bezug zur Unterzeichnung eines offenen Briefs des Kultursenats zum Thema Asyl. Damit einhergehen müsse auch das Bereitstellen von Geldern. Integration sei keine "romantische Nummer". Hier müssten die Deutschen mit gutem Beispiel vorangehen, Begegnung ermöglichen und den notwendigen Austausch schaffen.

»Kultur hat für viele Menschen Vorbildcharakter. Deswegen müssen gerade wir Gesicht zeigen und eine Haltung einnehmen.« — Christian Schramm, Präsident des Sächsischen Kultursenats

Dieses Stichwort griff Prof. Dr. Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), auf: Es brauche Neugier, Lust auf Neues und Wissensdurst auf beiden Seiten. Damit gibt es in der Begegnung kein ideologisches Gefälle, sondern es entstehe echter Austausch, der für alle Beteiligten fruchtbringend ist. Die SKD nutze dafür seine Stellung als kultureller Leuchtturm: In einem Haus voller ausländischer Künstler sei es aus seiner Sicht ganz selbstverständlich, integrative Angebote im Bereich der Wissenschaft oder des Alltags zu machen. In Anspielung auf seinen baldigen Wechsel an das British Museum in London sieht er sich natürlich auch selbst in der Pflicht, dort als "Fremder" die entsprechenden kulturellen Anpassungsleistungen zu erbringen.

»Integration ist ein Verhältnis auf Gegenseitigkeit. Es sollten alle als großes Glück begreifen auf diesem Weg Neues kennenzulernen.« — Prof. Dr. Hartwig Fischer, Generaldirektor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden

CDU-Landtagsabgeordneter Octavian Ursu

Octavian Ursu, Mitglied im Sächsischen Landtag für die CDU, zog eine Parallele zu seiner Biographie. Vor zwanzig Jahren als rumänischer Musiker nach Sachsen gekommen, profitierte er von der Kunst als einer universellen, wertevermittelnden Sprache. Das erleichterte ihm damals die Integration und er kann das nur jedem empfehlen. Das erfolgreiche Projekt "Jedem Kind ein Instrument" ziele auch in diese Richtung und kann helfen, den Austausch über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg zu erleichtern. Wichtig sei ihm in diesem Zusammenhang aber das Prinzip "Fördern und Fordern" – eine einheimische Gesellschaft dürfe durchaus Erwartungen an die Anpassungsfähigkeit der Zuwanderer haben.

»Die momentan angespannte Situation ist ein Reinigungsprozess. Zu einer Kultur gehört auch eine Dialogkultur, die wir alle mit Ausdauer, Konsequenz, aber auch mehr Gelassenheit einüben sollten.« — Octavian Ursu, CDU-Landtagsabgeordneter und gebürtiger Rumäne

Im Anschluss stellte Franciska Zólyom, Direktorin der Stiftung Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig (GfZK), die rhetorische Frage, ob sich denn eine Gesellschaft mehr kulturelle Homogenität oder lieber Vielfalt wünschen sollte? Sie plädierte in ihrer Antwort dann auch dafür, von dem Begriff der Interkulturalität wegzukommen. Dieser lege unnötigerweise den Fokus auf die Unterschiedlichkeit und die Grenzen von Kulturen. Stattdessen sollten moderne Gesellschaften den Einfluss des Fremden zulassen und sich neue Impulse zu Nutze machen. Darauf ziele auch der Kunstbegriff des GfZK, der in verschiedenen Projekten die Normalität in Frage stellt und Perspektiven auf andere Möglichkeiten bietet.

»Kunst kann kein Feuerlöscher sein! Für eine Integration braucht es langfristige Arbeit in allen Gesellschaftsbereichen.« — Franciska Zólyom, Direktorin der Stiftung Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig

Das Publikum verfolgte eine spannende, zuweilen auch kontroverse Diskussion und stellte im Anschluss weitere Fragen an die Podiumsgäste. Die Jüdin Dr. Martha Fraenkel, Namensgeberin des Tagungssaals, ab 1929 Direktorin des Hygiene-Museums und spätere Beraterin der US-Regierung, hätte wahrscheinlich den meisten Thesen des Abends ebenfalls zugestimmt. Schließlich musste sie 1933 vor dem Naziterror selbst aus Deutschland flüchten.