Zwischen Freiheit und Verantwortung: Wie muss sich Kinder- und Jugendschutz im Online-Zeitalter gestalten?

Auf dem Podium (Bilder: © Pascal Ziehm, 2016)

Digitale Medien prägen die Lebenswelt von Kindern wie in keiner Generation zuvor. Der Kinder- und Jugendschutz spielt dabei eine zunehmende Rolle. Denn was sich vor einem Jahrhundert noch simpel über ein sogenanntes Lichtspielgesetz regeln ließ (wer sich an der Kasse des Kinos nicht ausweisen konnte, durfte nicht rein), wird heutzutage zunehmend unmöglich gemacht. Das Internet ist allgegenwärtig und vor allem auch für Kinder jeden Alters verfügbar – eine Eintrittskontrolle ist nicht vorgesehen. Schutzkonzepte aus der Offline-Welt lassen sich in einem globalen, quasi rechtsfreien, Medium wie dem Internet sowieso nur begrenzt installieren. Zum einen erschwert die Fülle von Inhalten die Kontrolle, zum anderen mischen sich unter die Unterhaltungsangebote auch kommunikations- oder kreativitätsfördernde Angebote, die die "Digital Citizens" von heute und morgen zwingend erlernen müssen.

Wie lassen sich nun aber digitale Teilhabe und gleichzeitig der Schutz vor jugendgefährdenden Inhalten in einem globalisierten Umfeld umsetzen? Darüber diskutierte am 23. Mai 2016 im Rahmen der #CDUimDialog-Reihe eine hochkarätige Expertenrunde in Chemnitz. Eingeladen hatte Aline Fiedler, Vorsitzende des Arbeitskreises Hochschule, Wissenschaft, Kultur und Medien der CDU-Fraktion des Sächsischen Landtages. Nach einer kurzen Einführung in die Komplexität des Themas durch Dr. Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen, übernahm Markus Heinker, Honorarprofessor für Digitale Medien und Recht der Fakultät Medien an der Hochschule Mittweida die Moderation des Abends.

Henryk Balkow (r.), Medienpädagoge, Dozent und Publizist, neben Markus Bräuer (l.), EKD-Medienbeauftragter

Dass es einen Regelungsbedarf gibt, blieb in der Diskussion unstrittig: Pornografie, Gewalt, rechtsextreme Inhalte oder einfacher Drogenbezug sind nur wenige Beispiele für die Vielfalt der Gefährdungen. Dennoch setzten die Diskutanten unterschiedliche Schwerpunkte. Während die Bereichsleiterin Jugendmedienschutz der Gemeinsamen Geschäftsstelle der Medienanstalten, Isabell Rausch-Jarolimek, einen vorinstallierten Softwareschutz auf internetfähigen Geräten fordert, möchte Henryk Balkow, Medienpädagoge, Dozent und Publizist, diesen "Kriegsschauplatz" verlagert wissen. Aus seiner Arbeit mit Jugendlichen berichtet er von Zunahme der nutzergenerierten Inhalte: Das sind in der Regel ausgearbeitete Videobeiträge, die auf YouTube erscheinen und zum Teil keiner Medienethik folgen. Kinder und Jugendliche produzieren und konsumieren auf diesen Portalen ohne jegliche Kontrolle – Mobbing, Belästigung, übler Nachrede oder absichtlicher Falschinformation seien damit Tür und Tor geöffnet und lassen sich auch nicht so einfach durch einen Softwarefilter abstellen. Hier sind Medienpädagogen gefragt, die mit den Kindern im Vorfeld den Umgang mit den digitalen Medien einüben. Doch diese sind an den Schulen Mangelware. Das bestätigte auch von Gottberg, der von der Politik eine Roadmap einforderte, um diesem Missstand abzuhelfen.

Aber vor allem die Industrie sei hier in der Pflicht: Viel zu sehr schauen die privaten Fernsehsender und die Inhalteanbieter im Netz auf ihre Gewinne – der Schutz von Kindern- und Jugendlichen wird dabei, trotz aller Beteuerungen, fahrlässig ignoriert. 

»Ohne Druck passiert da gar nichts!« — Dr. Joachim von Gottberg, Geschäftsführer der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen

FSK-Geschäftsführer Joachim von Gottberg

Dr. von Gottberg ist sich sicher, dass die Unternehmen den Unmut des Gesetzgebers und der Eltern spüren müssen, damit sich etwas ändert. Das Beispiel Facebook aus dem Jahr 2015 zeige, dass sogar Global Player von der Sinnhaftigkeit eines Inhalteschutzes überzeugt werden können – wenn denn das Interesse groß genug ist. Pädagogin Renate Beßler, vom Deutschen Familienverband forderte in dem Zusammenhang außerdem eine bessere Aufklärung der Eltern. Ihre Rolle ist bei den rasant voranschreitenden medialen Veränderungen nicht einfach: Zum einen möchten sie den Kindern die Chancen auf Bildung, Freizeit und soziale Kontakte im Netz eröffnen. Auf der anderen Seite wissen sie, dass digitale Medien auch Risiken bergen und haben Mühe, mit den Vorlieben ihrer Kinder Schritt zu halten. Eine zeitnahe Bewertung der Angebote ist dabei kaum möglich. Ein Problem, welches neben aller privater Verantwortung, individueller Regeln und Vereinbarungen mit den Kindern einen softwareseitigen Jugendschutz notwendig erscheinen lässt. Denn gerade beim falschen Umgang mit den eigenen persönlichen Daten ist das Internet ein unerbittlicher Richter, wie Henryk Balkow aus seiner ehrenamtlichen Beratungspraxis berichtet.

Zahlreiche Gäste nutzten die Gelegenheit, mit den Podiumsteilnehmern zu diskutieren

Ein Großteil der Verantwortung liegt also weiterhin bei der Erziehung der Kinder in den Familien. Und warum nicht einmal die Familienfeiern zur handyfreien Zone erklären? Gar nicht so abwegig wie Stimmen aus dem Publikum bestätigen. Die Vorbildwirkung ist an diesen Orten groß und entscheidet maßgeblich über die Medienkompetenz der künftigen Generation. Isabell Rausch-Jarolimek, weißt hier auf die Erfahrungen aus anderen Ländern hin: In den Niederlanden hätte sich beispielsweise medienübergreifend ein Informationssystem durchgesetzt, welches schon vor dem Schauen einer DVD, eines Fernsehfilms oder eines Videospiels den Inhalt mit allgemein verständlichen Symbolen zusammenfasst.

Passieren muss jedenfalls jetzt etwas. Darin sind sich alle einig. Je früher sich die Gesellschaft mit einer digitalen Utopie befasst, desto früher beginnt eine sinnvolle Diskussion über die Medieninhalte und, damit verbunden, einem konsensfähigen globalen Kinder- und Jugendschutz.

Kinder- und Jugendschutz im Web – eine Linksammlung

Ein Netz für Kinder - Praktische Hilfen für Eltern und pädagogische Fachkräfte:
Die Publikation des Bundesfamilienministeriums gibt praktische Tipps

Wie funktioniert Jugendschutz über Ländergrenzen hinweg?
Das witzige Erklärvideo zeigt wie es geht

Wo kann ich mich über Inhalte beschweren?
Beispielsweise beim Freiwillige Selbstkontrolle Multimedia-Diensteanbieter e.V.

Anerkannte Jugendschutzprogramme:
Programm von JusProg e.V. (kostenlos)
Programm der Deutschen Telekom (für Telekom-Kunden kostenlos)
SURF-SITTER-Programme der Cybits AG (kostenfreier Basisschutz)